Kurzkrimi: Stiefmütterchen

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Er inhalierte tief und hauchte eine Mischung aus Zigarettenrauch und kleinen Sauerstoffkristallen in die Nacht. Sie war weg. Erleichtert schnippte er seine Zigarette ins Gleisbett. Wenn sie wüsste, dass er rauchte. Hartmut grinste innerlich. Froh, endlich wieder alleine zu sein. Er liebte seine Mutter, denn  das tut man ja schließlich als Sohn. Aber sie konnte so unglaublich anstrengend sein und behandelte ihn mit 30 Jahren immer noch wie ein Kleinkind. Kontrollierte ihn, roch an ihm, ob er sich gewaschen habe, ob er geraucht hatte. Übernahm die Führung seines Lebens, zwang ihm ihren Willen auf, denn als Mutter wusste sie natürlich, was gut für ihn war.

Hartmut verließ das Bahnhofsgebäude. Er sog die kühle, klare Abendluft ein und dachte über die vergangenen Tage nach. Wie klein er sich gefühlt hatte, wie unselbständig. Sie hatte sofort wieder alles an sich gerissen. Der Kontrollfreak, die Mutter aller Mütter. Drückte ihm ihre Welt auf. Nur sie hatte die besten Ratschläge parat, auch wenn nicht immer alles wirklich stimmte, so war sie doch immer von sich überzeugt. Er lächelte verbittert. Wann würde sie ihn endlich als erwachsenen Mann mit einem eigenständigen Leben akzeptieren? Als Dr. Hartmut Schweigling, der mit 30 bereits seine eigene Kanzlei besaß, Mitarbeiter führte, schwierige Klienten steuerte. Nur eine Person offenbar nicht: Tilda, seine Übermutter.

Er schloss seine Wohnungstür auf. Es roch nach frischgewienertem Fußboden und Toilettenreiniger. Tilda hat wieder mal ganze Arbeit geleistet. Nun traute er sich noch nicht einmal seine eigene Toilette zu benutzen. Hartmut trat in den Garten und urinierte in seine Stiefmütterchen.

Zurück im Haus stellte er sich ans Fenster und lächelte sein Spiegelbild an. Alles wusste Tilda aber nicht. Zum Beispiel ahnte sie nicht, dass er menstruierende Mädchen sammelte. Ob tot oder lebendig war ihm egal. Oder sich an qualvollen sadistischen Foltermethoden laben konnte. Dabei stellte er sich immer seine Mutter vor. Ein aufregendes Kribbeln wanderte durch Hartmuts schmächtigen Körper. Er, der Mann mit dem Engelsgesicht. Wie einfach war es, Frauen davon zu überzeugen, ihn zu begleiten. Die verblüfften Gesichter, wenn er die Spritze mit dem Nerven lahmlegenden Medikament aus einem schwarzen Lederetui zog. Wie er genüsslich die Spritze aufzog und die Mädchen langsam begriffen, dass sie Hartmuts Haus nie mehr lebend verlassen würden.

Er dachte an die drei frischen Mädchen in seinem Keller. Die kleine Rothaarige mit dem vollen Busen, die gerade ihre Tage bekommen hatte, als er sie ausgewählt hatte. Oder die attraktive Brünette mit den langen Beinen und dem kurzen Oberkörper, die ihn so sehr an Bilder von Tilda in jungen Jahren erinnerte. Und die große blonde Hanseatin, die sich kühl und arrogant gab, als wäre es ihr gleichgültig, was er mit ihr anstellte, sie schien sich selbst über diese Aufmerksamkeit zu freuen. Vielleicht war sie aber auch nur erleichtert, dass endlich jemand ihr Schicksal in die Hand genommen hatte. Dann war da noch seine gute alte Schwarzhaarige, die er seit vier Monaten in einem Käfig hielt und die bisher alles überlebt hatte, was er ausprobiert hatte. Großartiges Mädchen, dachte er sich. Tilda wäre stolz auf ihn, wenn sie wüsste, dass er so gut beim weiblichen Geschlecht ankam.

Hartmut genehmigte sich einen Whiskey und schlenderte langsam zur Kellertreppe. Er freute sich auf einen unterhaltsamen Abend mit seinen vier Mädchen. Stolz öffnete er die Kellertür. Es war erstaunlich still. Kein Schluchzen, keine Atemgeräusche waren zu hören. Hartmut stutzte und knipste das Licht an. Der Keller war leer. Im Käfig hing ein gelber Zettel, auf dem in Tildas Schrift stand: „Hast Du wirklich gedacht, ich wüsste nichts von deinem Kellerhobby, mein Junge? Die Mädchen habe ich getötet und in deinem Garten unter den Stiefmütterchen vergraben. Bitte tu so etwas zukünftig nicht wieder. In Liebe, Deine Mutter.“

Autorin: Tina Müller

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