Das Haarmassaker

Bonnie Tyler hat mir die Haare geschnitten. Besser gesagt, zerfetzt. Mit einem Frisiermesser, das Gisela – so stand auf Bonnies Namensschild – resolut durch meine bis dahin noch gesunden, langen Haare zerrte. Sie teilte meine Haare in einzelne Strähnen, zog kräftig daran und malträtierte mich mit besagtem Messer. Der Salon heißt Cut & Go. Hätte ich mal machen sollen. Gehen. Dabei wollte ich mir nur die Spitzen schneiden lassen. Und nun dies. Da war nichts mehr zu machen. Ich muss die nächsten Monate mit Zopf (besser gesagt hinten Zopf, vorne vereinzelte, kurze Fransen, frei nach Bonnie „Against the wind„) oder Mütze (im Frühling!) herum laufen.

Während Gisela mein Haar sabotierte und mich zur Unkenntlichkeit verstümmelte quasselte sie ohne Pause von sich (wie langweilig!), von ihren beiden Geburten (pfui, bitte keine weiteren Details!) und ihrer Familie (alle doof, nur sie nicht!).

Ihr Gürtel, der vermeintlich leger auf der fülligen Hüfte saß und ein weites, tief ausgeschnittenes T-Shirt zusammenhielt, klapperte bei jeder Bewegung mit ihren Armreifen um die Wette. Gisela schaffte es sogar, mit Haar-Klammer im Mund weiter zu plappern. „Ganz schön widerspenstig, Ihr Haar!“, nuschelte sie mit ihrer verrauchten, heiseren Stimme. Und das aus ihrem Mund, dachte ich. Wie war das noch gleich: Wer im Glashaus sitzt… (Na, Sie wissen schon.)

Wie ein Folteropfer wurde ich immer stiller. Ich resignierte und schloss meine Augen, kurz davor, mit halbgeschnittenem Haar zu flüchten. Bonnie sang sich in meinen Gedanken richtig warm und trällerte „I need a Hero“. Traurig blickte ich in den Spiegel, unfähig zu fliehen.

Ich fixierte Giselas dunklen Damenbart. Da half nur noch Alkohol. Als könnte sie Gedanken lesen, bot sie mir einen „Prosetschio“ an. Ergeben nickte ich und nippte an dem lauwarmen, abgestandenen Getränk. Das Glas hatte Schlieren und Lippenstiftreste am Rand. Cheerio!

Im Geiste überschlug ich, wann ich meine Haare wieder offen tragen konnte. Bei einem durchschnittlichem Haarwachstum von 1,25 Zentimetern pro Monat würde ich mich im Herbst wieder ohne Kopfbedeckung nach draußen wagen können. Schöne Aussichten. Ich seufzte laut. Sie schaute mich verständnislos an und sagte: „Ja, ist das nicht wunderbar? Ich habe ihn nicht gewollt, habe es jedem erzählt. Aber niemand hat mir zugehört. Nun ist er weg. Tot. Es war leicht, ich habe keine Schuldgefühle. Die müssen die Ärzte haben, die das verbrochen haben. Für ihn war es auch besser, ist doch kein Leben, so behindert. Endlich muss ich mich nicht mehr schämen, bin frei.“

Halt. Stopp. Habe ich mich verhört? Wovon redet Gisela denn jetzt schon wieder? Mein Herz klopft bis zum Hals. Plötzlich bin ich hellwach. Ich schlucke und überlege, was ich dazu sagen soll. Plötzlich ging mir ein Licht auf: Der harte Griff, mit dem sie das Frisiermesser hielt, ihre resolutes Wesen, die Art, wie sie das Wort „behindert“ ausspuckt etc. Bonnie alias Gisela wusste genau, was sie wollte. Freiheit. Normale Kinder. Und was sie nicht wollte. Ein behindertes Kind. Ein Kind, das mit fast 30 Jahren immer noch zurückgeblieben ist. Immer noch Schande über die in ihren Augen so „tadellose“ Familie bringt. Deshalb hat sie mir einen Vortrag über Abtreibung von behinderten Kindern gehalten. Sie hatte diese Möglichkeit nicht, die Ärzte haben bei der Geburt gepfuscht und sie, so sagte sie wörtlich „musste den Ärztepfusch, mit nach Hause nehmen“.

Gisela riss mich aus meinen Gedanken und vollendete ihr Haarmassaker. Ich betrachtete meine übrig gebliebenen Haare im Spiegel, den sie mir erwartungsvoll an den Hinterkopf hielt. „Flott, nicht wahr?“, flötete sie stolz, während sie mir mütterlich über die Schulter strich. Ich nickte ergeben, bezahlte und ging wie in Trance. Bonnie sang zum Abschied leise in meinem Ohr „Say Goodbye“.

Tina, 2009

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