Philip Pullman: Über den wilden Fluss

Mit Spannung habe ich auf die Vorgeschichte “Über den wilden Fluss” zur Trilogie “Der goldene Kompass” gewartet und als es am 17. November erschien, durfte ich gemeinsam mit meiner wundervollen Bloggerkollegin Marie-Luise eine Leserunde zum Buch organisieren. Mit dabei waren 20 wunderbare Leser ;-).

Das Buch startet ganz gemütlich in Oxford, wo wir den elfjährigen Malcolm durch seinen Alltag begleiten. Seine Eltern führen ein Gasthaus am Fluss. Jeder Mensch hat hier auch seit seiner einen Daemon, sprich sein persönliches Seelentier, das sehr eng mit dem jeweiligen Menschen verbunden ist.

Malcolm habe ich während des Lesens sehr ins Herz geschlossen, denn er ist ein sehr bescheidender, wohlerzogener und liebevoller Junge, der sehr viel sieht, weil er offenen Auges durch seine Welt spaziert. Er ist sehr empathisch und sensibel, immer hilfsbereit und ein richtiger Kümmerer ;-). Wenn er mal etwas Zeit für sich hat, dann genießt er es, mit seinem Kanu La Belle Savage über den Fluss. Er hilft auch sehr gerne im benachbarten Kloster aus. Und dort trifft er eines Tages auch auf das Baby Lyra, das von den Nonnen aufgezogen wird. Lyra ist ja den Fans sicher schon bekannt, ist sie doch im Goldenen Kompass die Hauptperson. Und hier erfahren wir mehr über Lyras Leben von Geburt an.

Natürlich gibt es bei Philip Pullman auch immer Verschwörungen im Kreis der Wissenschaften. Doch diesmal ist Malcolm mittendrin und muss viel Mut und Verve beweisen. Und das meistert er sehr authentisch, obwohl er ja erst elf Jahre alt ist. Mit Fortschreiten der Geschichte – die mal langsam und gemütlich und mal sehr actionreich und beinahe gruselig daherkommt, wächst der Junge wahrlich über sich hinaus und lernt, sich selbst zu vertrauen. So ist “Über den wilden Fluss” auch eine Entwicklungsgeschichte eines sehr sympathischen, mutigen und tapferen Jungen, die ich sehr gerne gelesen habe.

Philip Pullman ist auch in “Über dem wilden Fluss” gelungen, eine phantastische Welt zu erschaffen. Der sehr lebendige und spannend formulierte Schreibstil des Autors hat mich bis zum Schluss gefesselt. Ich habe auch die Stellen dazwischen genossen, um wieder durchzuatmen, bevor es wieder spannend wurde. So hält sich Spannung und Ruhephase der Geschichte immer ganz gut die Waage. Ungeduldige Leser, die permanent auf Hochtouren laufen müssen, werden sich in den gemütlicheren Phasen der Geschichte vermutlich langweilen. Mir hat das jedoch sehr gefallen.

Der erste Absatz (gelesen auf Seite 13):

Malcolm ist mir schwer ans Herz gewachsen, er ist so ein sympathischer Mensch, dessen Charme man sich einfach nicht entziehen kann. Er hat Lyra sofort in sein Herz geschlossen und sie war für ihn sowas wie seine kleine Schwester, die er nicht hat. Auch seine Freundin Alice, die später in der Geschichte dazukommt, mochte ich sehr. Sie ist zwar stellenweise brummig und wortkarg, doch trägt sie ihr Herz stets am rechten Fleck und bringt Lyra viel Liebe entgegen. Die Landschaft und auch den wilden Fluss konnte ich mir sehr gut vorstellen, diese werden von Philip Pullman so lebendig gezeichnet, dass man sich direkt vor Ort fühlt beim Lesen. Auch das Düstere kommt sehr gut rüber beim Lesen und ich hatte die eine oder andere Grusel-Gänsehaut …

In Pullmans Welt übernimmt eine kirchliche Gruppierung immer mehr die Macht über das Leben der Menschen, sie kontrolliert und manipuliert nicht nur Kinder in der Schule, sondern auch darüberhinaus … Sehr gruselig diese Stellen im Buch, man denkt sofort an die Jetztzeit und wie es im Laufe der Geschichte schon mal war … Kinder werden so manipuliert, dass sie andere beobachten und diese Infos weitergeben – ein furchtbarer Gedanke für mich als Mutter. Es gibt auch eine Gegenbewegung und zwischen diese Fronten geraten Malcolm und Alice, was sich sehr spannend liest, ist doch die kleine Lyra bei ihnen nach der großen Flut … Ich bin sehr gespannt auf den nächsten Teil, noch ist nicht bekannt, wann dieser erscheinen wird …

Zitat:

“Dieser Nebel verhüllt alles, woran sie sich erinnern sollten. Sollte er sich jemals auflösen, würden sie sich über sich selbst klar werden…..” (gelesen auf Seite 502)

Und noch ein kurzer Exkurs zu den Dæmonen: Bei Philip Pullman hat jeder Mensch einen sichtbaren Dæmon, das ist ein ständiger Begleiter und Freund in Tiergestalt, der auch sprechen kann. Der Dæmon ist Teil seines jeweiligen Menschen und mit diesem auch so innig verbunden, dass sie sich nie weit voneinander entfernen können (dies ist ganz gut in “Über den wilden Fluss” im Kapitel 24 nachzulesen, wo sich Malcolm von Asta trennen muss für kurze Zeit). In Pullmans Welt gilt ein Mensch ohne Dæmon als ein Schatten seiner selbst, ähnlich einem lebenden Toten. Mir ist zudem aufgefallen, dass Mensch und Dæmon selten vom selben Geschlecht sind, hat sicher auch einen Grund. Dæmonen von Kindern können bis zur Pubertät ihre Tiergestalt beliebig oft wandeln, was mir sehr gut gefällt. Die Tierform, die bleibt, ist auch immer ein Hinweis auf den Charakter seines Menschen ;-). Berühren darf man niemals den Dæmon eines anderen, das gilt als tabu, selbst in Kriegszeiten. Wird ein Dæmon trotzdem angefasst, dann löst das bei seinem Menschen Angstzustände aus und kann zu Schwächeanfällen führen. Hat ein Dæmon Schmerzen, übertragen sich diese auch auf den Menschen, umgekehrt natürlich auch. In den Büchern von Philip Pullman ist von der Einteilung des Menschen in Geist, Seele und Körper zu lesen. Der Geist lebt im Körper, während der Dæmon die Seele darstellt. Stirbt ein Mensch, löst sich sein Dæmon (und damit seine Seele) in Feuer auf, während sein Geist in die Welt der Toten wechselt. Der Körper verweilt in dieser Welt.

Fazit: Philip Pullman hat eine sehr gelungene Vorgeschichte geschrieben, die mich sehr berührt hat, sehr gut unterhalten hat und auch sofort wieder verzaubert hat.  Sehr faszinierende und spannende Ideen, die Herr Pullman da umgesetzt hat. Ich werde jetzt wieder die Goldene-Kompass-Trilogie lesen und genießen und hoffen, dass Teil 2 schnell erscheinen wird ;-)! Unbedingt lesen!

Das schreibt der Carlsen Verlag:

Der 11-jährige Malcolm lebt mit seinen Eltern und seinem Dæmon Asta in Oxford und geht in dem Kloster auf der anderen Seite der Themse aus und ein. Als die Nonnen ein Baby aufnehmen, von dem keiner wissen darf, ist es mit der Ruhe in dem alten Gemäuer vorbei. Auch Malcolm schließt das kleine Wesen, das in großer Gefahr zu sein scheint, sofort in sein Herz und setzt alles daran, es zu schützen. Es heißt: Lyra Belacqua. Die Vorgeschichte zum Weltbestseller »Der Goldene Kompass«

Über Philip Pullman:

Philip Pullman wurde am 19. Oktober 1946 in Norwich, England, geboren. Er wuchs in Rhodesien, Australien, London und Wales auf. Nach der Schule besuchte er das Exeter College in Oxford, wo er Englisch studierte, und unterrichtete danach an verschiedenen Middle Schools. Jetzt lebt er mit seiner Frau in Oxford und arbeitet nebenberuflich als Literaturdozent am Westminster College. Pullman hat Bilderbücher, Theaterstücke und Thriller geschrieben.  Philip Pullman zählt zu den angelsächsischen Autoren, die sich über die Grenzen zwischen literarischen Gattungen ebenso souverän hinwegsetzen wie über die Verteilung der Literatur auf verschiedene Altersschubladen. Er will seine Leser geistreich unterhalten und bedient sich dazu des historischen, des Abenteuer- und des Kriminalromans ebenso wie der Fantasy. Nicht selten vermischt er deren Elemente, wie in seinen historischen Abenteuerromanen und in seiner Fantasy-Trilogie, die auch Freunde eiskalter Thriller für sich entdeckt haben. Für sein Gesamtwerk erhielt Philip Pullman den Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis 2005.

Buchinformationen:

  • Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
  • Verlag: Carlsen Verlag, erschienen am 17. November 2017
  • Preis: 24 Euro
  • ISBN-13: 978-3551583932
  • Vom Verlag empfohlenes LeseAlter: Ab 14 Jahren
  • Originaltitel: The Book of Dust Volume One: La Belle Sauvage

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