Gelesen: Steine im Bauch

Steine im BauchJon Bauer hat mit „Steine im Bauch“ ein wirklich sehr emotionales, schwer verdauliches (für mich als Mutter), aber doch psychologisch sehr interessantes Buch über Verletzungen in der Kindheit geschrieben. Es könnte auch „Wut im Bauch“ heißen, denn die hat der Protagonist, der siebenjährige Junge, der später als erwachsener Mann nach Hause zurückkehrt, um seine schwerkranke Mutter zu begleiten. Dabei nutzt er jede Gelegenheit, um seinen immer noch vorhandenen seelischen Ballast (seine Steine) bei der Mutter abzuladen und auch eine gewisse Rache zu üben. Er ist sehr aggressiv, verstrickt sich immer wieder in Streitigkeiten und Schlägereien. Alles was er als siebenjähriger abbekommen hat – die Gleichgültigkeit der Mutter, deren Schläge, die Zurückweisungen durch die Mutter – das alles trägt er immer noch mit sich herum. Er ist nicht fähig tiefe Gefühle zu entwickeln. Er will diese Gefühle als Erwachsener ausleben – ohne Rücksicht auf Verluste.

Ich konnte das emotionsgeladene Buch nicht in einem Zug, sondern immer nur Stück für Stück lesen – es ist wirklich sehr heftig, was man Kindern alles antun kann und wie es sich bis ins Erwachsenenalter auswirkt. Der junge, verhaltensgestörte Mann hat teilweise entsetzliche Gedanken, aber auch das Nachdenken des kleinen Jungen, der sich Gedanken macht, warum die Mutter ihn nicht so lieben kann wie die „perfekten“ Pflegekinder, die ins Haus kommen, was der Junge nicht verstanden hat und was ihn sehr verletzt und auch überfordert hat. Er selbst sieht sich als „böse“ und als jemand, der alles falsch macht. Er fühlt sich minderwertig gegenüber den Pflegejungen, die selbst ja auch keine einfachen Geschichten erlebt haben. Er ist sehr eifersüchtig auf diese Pflegejungen und er hasst sie regelrecht. Wann immer es geht, quält er diese, sie bekommen seine Wut ab, die eigentlich der Mutter gilt. Dann geschieht auch ein furchtbarer Unfall.

Sehr tiefgreifend und nicht so einfach zu lesen. Der Junge und auch später der Mann haben im Buch keinen Namen – eine namenlose Seele, dieser Aspekt verdeutlicht noch einmal das Bild der verlorenen kindlichen Seele. Ich schwankte permanent zwischen den Gefühlen „Mitgefühl und Mitleid“ sowie abgrundtiefer Abscheu. Phantastisch, wie sich Jon Bauer in die Seele eines siebenjährigen Jungen einfühlt – meisterhaft, aber wie gesagt, sehr sehr schwer verdaulich!

Fazit: Hochlesenswert, aber nur für Leser mit starken Nerven!

Ein starker Absatz (Buch Seite 7):

„Ich kann mich nicht mal dazu durchringen, zu meiner eigenen Kindheit zu gehören. Allerdings kann ich sie noch spüren, obwohl ich ins Ausland ging und mich von meiner Vergangenheit lossagte. Es kommt nicht darauf an, wohin man geht oder was man mit seinen Gefühlen macht, die Wahrheit lauert einem doch immer wieder auf. Meine Kindheit lauert in mir, wie geballte Fäuste in meinen Händen lauern.“

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