Wie eine höchst ungehörige Dame ihren Weg zu mir fand

Wie eine höchst ungehörige Dame ihren Weg zu mir fand

Manchmal erinnern wir uns noch nach vielen Jahren an Menschen, die uns irgendwann einmal begegnet sind und von denen wir damals kaum ahnten, welchen Einfluss sie auf unser späteres Leben haben würden. Nicht unbedingt, weil sie etwas Außergewöhnliches getan oder uns einen besonders klugen Rat gegeben hätten, sondern weil sie im richtigen Augenblick eine kleine Geste der Freundlichkeit zeigten, die uns bis heute begleitet.

In meiner Kindheit kannte ich eine ehemalige Bibliothekarin, die mir immer wieder Bücher schenkte, die einst ihren eigenen Kindern gehört hatten. Ich weiß nicht, ob sie sich damals Gedanken darüber machte, welche Freude sie mir damit bereitete. Vermutlich wollte sie einfach nur, dass die Bücher in gute Hände kamen. Für mich jedenfalls waren diese Geschenke etwas Wunderbares, und ich bin überzeugt, dass sie einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte, wie sehr ich das Lesen lieben lernte.

Noch heute denke ich gern an diese Frau zurück. Überhaupt habe ich eine besondere Zuneigung zu Menschen, für die Bücher nicht bloß Gegenstände sind, die man liest und anschließend ins Regal stellt. Menschen, die wissen, wie sehr eine Geschichte jemanden beschäftigen, trösten oder auch zum Lachen bringen kann. Und die ihre Freude daran gern mit anderen teilen.

Vor einiger Zeit musste ich wieder an diese Bibliothekarin denken, als ich mich über unsere heutige Diskussionskultur wunderte. Wir leben in einer Zeit, in der ununterbrochen geredet, geschrieben und kommentiert wird, während mir das Zuhören zunehmend aus der Mode gekommen zu sein scheint. Man ist schnell mit einem Urteil zur Hand, noch schneller mit seiner Empörung und manchmal erschreckend bereit, einen Menschen wegen einer einzigen abweichenden Ansicht vollständig abzuschreiben.

Dabei wünsche ich mir keineswegs, dass wir alle dieselbe Meinung vertreten. Im Gegenteil! Was wäre das für eine langweilige Welt, in der niemand mehr widerspricht, niemand eine andere Sichtweise einbringt und jedes Gespräch nur bestätigt, was wir ohnehin schon denken?

Ich würde mir nur wünschen, dass wir einander wieder mit etwas mehr Nachsicht begegnen. Dass wir uns nicht bei jeder Meinungsverschiedenheit gleich persönlich angegriffen fühlen und uns daran erinnern, wie viel mehr einen Menschen ausmacht als seine Ansichten zu dieser oder jener Frage. Und dass wir bei aller Ernsthaftigkeit nicht vergessen, gelegentlich über uns selbst zu lachen.

Während ich über diese Dinge nachdachte, entstand in meiner Vorstellung allmählich eine ältere Dame. Eine ehemalige Bibliothekarin, die viele Jahre zwischen Bücherregalen verbracht und dort wahrscheinlich mehr über ihre Mitmenschen erfahren hatte, als sie je für möglich gehalten hätte. Eine Frau mit Lebenserfahrung, gesundem Menschenverstand und einer gewissen Eigenwilligkeit, die sie sich glücklicherweise bis ins hohe Alter bewahrt hat.

Ich sah sie beinahe vor mir, wie sie mit ihrer Brille auf der Nasenspitze am Schreibtisch sitzt, umgeben von Büchern, einer Tasse Tee und allerlei Papieren, die sie vermutlich für ausgezeichnet geordnet hält. Sie ist nicht immer einfach, hat zu vielen Dingen eine entschiedene Meinung und lässt sich nur ungern eines Besseren belehren. Doch sie besitzt Humor und ein gutes Herz, und wenn sie sich einmal geirrt hat, bringt sie es meistens fertig, darüber zu lachen. Wenn auch nicht unbedingt sofort.

Mit der Zeit bekam diese Dame ihre eigene Stimme, und ich begann mich zu fragen, was sie wohl über unsere heutigen gesellschaftlichen Merkwürdigkeiten zu erzählen hätte. Ich glaube nicht, dass sie versuchen würde, die Welt zu verbessern. Dazu hätte sie vermutlich viel zu viel Menschenkenntnis. Aber sie würde genau hinsehen, ihre Beobachtungen aufschreiben und sich dabei gelegentlich eine Bemerkung erlauben, die man in höflicher Gesellschaft lieber für sich behalten sollte.

Und irgendwann stellte ich mir vor, wie eines Tages ein Brief von ihr in meinem Briefkasten liegen könnte. Auf cremefarbenem Papier, in einer sorgfältigen, etwas altmodischen Handschrift und mit einer Anrede, wie man sie heutzutage nur noch selten liest.

Er könnte ungefähr so lauten:


Meine Liebe,

ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich mich auf diesem ungewöhnlichen Weg an Sie wende. Wir sind einander zwar nicht persönlich bekannt, doch ich verfolge Ihre Buchnotizen seit einiger Zeit und bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie womöglich über genügend literarischen Geschmack verfügen, um mit meinen Aufzeichnungen etwas anfangen zu können.

Bitte fassen Sie das nicht als Schmeichelei auf. Ich bin mit Lob eher sparsam, nicht zuletzt, weil es manchen Menschen auf eine Weise zu Kopf steigt, die ihrem Charakter wenig zuträglich ist.

Ich habe viele Jahre als Bibliothekarin gearbeitet und durfte dabei Menschen kennenlernen, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Manche waren freundlich, andere ungeduldig und einige von einer Eigenwilligkeit, die selbst meine Geduld gelegentlich auf eine harte Probe stellte. Es gab Leser, die sich ausschließlich für historische Abhandlungen interessierten, und solche, die jede Woche mit einem neuen Liebesroman unter dem Arm erschienen. Kinder, die am liebsten unter einem Tisch lasen, und ältere Herren, die grundsätzlich überzeugt waren, wir hätten die Bücher falsch einsortiert.

Ich mochte sie fast alle. Bei den übrigen habe ich mich zumindest bemüht.

Im Laufe dieser Jahre lernte ich, dass man aus der Lektüre eines Menschen nur bedingt auf seinen Charakter schließen kann. Ein freundlicher Herr kann eine ausgesprochene Vorliebe für grausige Kriminalromane besitzen, und ein Mensch, der sich mit Vorliebe über Anstand auslässt, muss deshalb noch lange kein angenehmer Zeitgenosse sein.

Auch außerhalb der Bibliothek sind mir allerlei menschliche Merkwürdigkeiten begegnet. Besonders erstaunt mich in jüngerer Zeit, mit welcher Leidenschaft die Menschen über ihre Ansichten streiten. Man könnte beinahe glauben, das Wohl der gesamten Menschheit hinge davon ab, dass der eigene Gesprächspartner endlich zugibt, im Unrecht zu sein.

Ich möchte Ihnen versichern, dass das keineswegs eine neue Erscheinung ist. Die Menschen haben schon immer gern recht behalten. Früher geschah dies am Gartenzaun oder bei Familienfeiern, heute offenbar vor einem erheblich größeren Publikum. Dass sich dadurch die Qualität der Gespräche verbessert hätte, vermag ich nicht zu erkennen.

Nun gehöre ich keineswegs zu jenen Menschen, die behaupten, früher sei alles besser gewesen. Ich habe die Vergangenheit lange genug erlebt, um es besser zu wissen. Man war auch damals nicht immer besonders vernünftig, freundlich oder nachsichtig. Nur hatte nicht jede Torheit die Möglichkeit, sich binnen weniger Augenblicke einem weltweiten Publikum vorzustellen.

Was mich eigentlich beschäftigt, ist etwas anderes. Ich frage mich, wann wir begonnen haben, eine andere Meinung so häufig als persönliche Beleidigung zu betrachten. Und weshalb wir manchmal bereit sind, einen Menschen, den wir seit vielen Jahren kennen und schätzen, wegen einer einzigen Äußerung plötzlich mit vollkommen anderen Augen zu sehen.

Gewiss gibt es Dinge, die man nicht einfach hinnehmen muss. Ich bin schließlich keine Heilige, und wer meine Nachbarin fragt, wird dies vermutlich ohne großes Zögern bestätigen. Aber nicht aus jeder Meinungsverschiedenheit muss gleich ein Zerwürfnis werden.

Aus diesem Grund habe ich vor einiger Zeit begonnen, meine Beobachtungen aufzuschreiben. Es sind kleine Geschichten aus meinem Alltag, Erinnerungen an meine Jahre in der Bibliothek und Begegnungen mit Menschen, über die ich mich manchmal wundere und die ich dennoch meistens sehr gern habe.

Auch meine eigenen Fehler kommen darin vor, was ich für ausgesprochen bedauerlich halte. Andererseits wäre es wohl ungerecht, ausschließlich über die Unzulänglichkeiten anderer zu berichten.

Vielleicht finden sich unter Ihren Lesern ein paar Menschen, die Freude daran haben. Sie dürfen über meine Geschichten lachen, mir widersprechen oder die eine oder andere Ansicht für vollkommen abwegig halten. Ich werde es voraussichtlich überleben.

Wenn Sie meine Aufzeichnungen veröffentlichen möchten, habe ich nichts dagegen einzuwenden. Allerdings muss ich Sie um eines bitten: Versuchen Sie nicht, aus mir eine besonders vorbildliche alte Dame zu machen.

Das wäre reine Zeitverschwendung.

Mit freundlichen Grüßen

Eine höchst ungehörige Dame


Ich muss gestehen, dass mir diese Dame mit jeder Zeile sympathischer wurde. Nicht, weil ich ihr in allem zustimme, sondern weil sie sich selbst nicht allzu ernst nimmt, obwohl ihr manche Dinge durchaus am Herzen liegen. Sie kann sich über menschliche Torheiten wundern, ohne deshalb gleich den ganzen Menschen zu verurteilen, und sie besitzt jene angenehme Fähigkeit, bei einem guten Gespräch auch einmal ihre eigene Meinung zu hinterfragen.

Natürlich ist sie eine erfundene Figur, auch wenn ein wenig von jener Bibliothekarin aus meiner Kindheit in ihr steckt. Und vermutlich trägt sie ebenso einige Eigenheiten anderer Menschen in sich, die mir im Laufe meines Lebens begegnet sind. Solche literarischen Figuren entwickeln manchmal eine erstaunliche Selbstständigkeit, sobald man ihnen erst einmal erlaubt hat, ihren eigenen Gedanken nachzugehen.

Jedenfalls habe ich beschlossen, unserer Dame auf meinem Weblog ein kleines Zuhause zu geben.

Unter dem Titel „Aus den Aufzeichnungen einer höchst ungehörigen Dame“ wird sie uns in den kommenden Wochen aus ihrem Leben erzählen. Von Freundschaften und Missverständnissen, von menschlicher Eitelkeit, von der Kunst des Zuhörens und davon, wie schwierig es gelegentlich ist, nicht immer das letzte Wort haben zu müssen.

Ich kann schon jetzt versprechen, dass sie mit ihrer Umgebung nicht immer einer Meinung sein wird. Und ich vermute, dass ihre Umgebung mit ihr ebenfalls nicht immer ganz einverstanden sein dürfte.

Aber das macht die Sache doch erst interessant.

Ihre erste Aufzeichnung trägt den Titel „Über die bemerkenswerte Kunst, immer recht zu haben“. Darin geht es um zwei Frauen, deren langjährige Freundschaft durch eine Meinungsverschiedenheit auf eine unerwartet harte Probe gestellt wird. Unsere Dame ist zunächst überzeugt, die Sache recht gut beurteilen zu können. Bis sie sich an einen eigenen Streit erinnert, bei dem sie sich möglicherweise auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat.

Davon erzählt sie uns am kommenden Mittwoch.

Und ich freue mich, wenn ihr dabei seid.