Kolumne Folge 1: Über die bemerkenswerte Kunst, immer recht zu haben

Ich habe Menschen kennengelernt, die in ihrem ganzen Leben noch nie an ihrer eigenen Meinung gezweifelt zu haben scheinen. Eine erstaunliche Begabung, um die ich sie manchmal beneide. Während ich mir über eine Angelegenheit noch den Kopf zerbreche, haben diese Menschen ihr Urteil längst gefällt und wundern sich höchstens darüber, dass andere nicht ebenso rasch zu derselben Erkenntnis gelangt sind. Ich stelle mir das ungemein beruhigend vor. Allerdings dürfte es auf Dauer auch recht langweilig sein, niemals an sich selbst zweifeln zu müssen.

Nun möchte ich nicht behaupten, dass ich frei von dieser Schwäche wäre. Es gibt durchaus Dinge, über die ich nicht zu diskutieren bereit bin. Jane Austen gehört für mich zu den klügsten Beobachterinnen der menschlichen Natur, und Rosinen haben in einem ordentlichen Apfelkuchen nichts verloren. Über beides lässt sich selbstverständlich streiten, nur sollte man nicht erwarten, dass ich mich sonderlich entgegenkommend zeige.

Vor einigen Tagen musste ich allerdings feststellen, dass meine eigene Fähigkeit zur Nachsicht durchaus ausbaufähig ist. Und ausgerechnet zwei Damen, die sich seit beinahe dreißig Jahren kennen, brachten mich auf diese unangenehme Erkenntnis.

Es begann an einem Dienstagvormittag in unserer kleinen Buchhandlung. Ich besuche sie regelmäßig, um nach Neuerscheinungen zu sehen, alte Lieblingsbücher wiederzuentdecken und gelegentlich ein paar Worte mit Frau Winter zu wechseln. Sie führt den Laden mit großer Hingabe und einem ausgezeichneten literarischen Geschmack, wenngleich ihre Vorliebe für Kriminalromane mit besonders grausamen Todesfällen mein Verständnis bis heute überfordert. Ich halte das gewöhnliche menschliche Zusammenleben bereits für aufregend genug und muss nicht unbedingt noch erfahren, auf welch einfallsreiche Weise man eine Leiche verschwinden lassen kann.

An diesem Vormittag hatte ich gerade einen Roman aus dem Regal gezogen, als ich am anderen Ende des Ladens eine vertraute Stimme hörte.

„Nach allem, was ich für dich getan habe, hätte ich wirklich etwas anderes erwartet!“

Die Stimme gehörte Frau Bergmann, einer stattlichen Dame mit sorgfältig frisiertem Haar und der Angewohnheit, ihre Ansichten so entschieden vorzutragen, dass selbst eine harmlose Unterhaltung über das Wetter gelegentlich den Charakter einer Grundsatzdiskussion annahm.

Ihr gegenüber stand Frau Seidel, eine zierliche Frau, deren gewöhnlich freundliches Gesicht einen Ausdruck angenommen hatte, den ich nicht an ihr kannte.

„Ich habe doch nur gesagt, dass ich die Sache anders sehe, Marianne.“

„Eben. Und gerade von dir hätte ich das nicht erwartet.“

„Wir waren noch nie in allem einer Meinung.“

„Das hier ist etwas anderes.“

Ich wandte mich wieder meinem Buch zu, obwohl ich den Klappentext längst gelesen hatte. Buchhandlungen besitzen den großen Vorteil, dass man sich hinter einem Regal aufhalten kann, ohne den Eindruck zu erwecken, man lausche fremden Gesprächen. Ich gebe zu, dass ich diesen Vorteil in jenem Augenblick etwas großzügig auslegte.

Frau Bergmann und Frau Seidel waren seit fast dreißig Jahren befreundet. Sie hatten Geburtstage miteinander gefeiert, einander durch Krankheiten und familiäre Schwierigkeiten begleitet und einmal während einer Busreise nach Italien ein Hotelzimmer geteilt, dessen Klimaanlage ausschließlich auf die Temperatur eines Kühlschranks eingestellt werden konnte. Frau Seidel hatte mir diese Geschichte vor Jahren unter großem Gelächter erzählt.

Ich war immer davon ausgegangen, dass eine Freundschaft, die eine solche Reise überstanden hatte, durch wenig zu erschüttern sei.

„Ich hätte niemals gedacht, dass du so etwas sagen würdest“, erklärte Frau Bergmann.

Frau Seidel sah sie eine Weile an.

„Du kennst mich seit dreißig Jahren.“

„Offenbar nicht so gut, wie ich dachte.“

Dann nahm Frau Bergmann ihre Handtasche, zog den Mantel zurecht und verließ den Laden mit einer Entschlossenheit, die selbst die kleine Glocke über der Tür recht aufgebracht klingen ließ.

Frau Seidel blieb zwischen den Regalen stehen. Sie sah ihrer Freundin nicht nach, sondern betrachtete einen Stapel Bücher, ohne offenbar eines davon wahrzunehmen.

Ich stellte meinen Roman zurück.

„Ein unerfreulicher Vormittag“, bemerkte ich.

Sie versuchte zu lächeln. „Wir haben uns gestritten.“

„Das ist mir nicht vollständig entgangen.“

Diesmal gelang ihr tatsächlich ein kleines Lächeln, aber ihre Augen blieben traurig.

„Ich verstehe es einfach nicht. Wir haben uns doch früher auch gestritten. Manchmal ziemlich heftig sogar. Aber so etwas hat Marianne noch nie zu mir gesagt.“

Ich fragte, ob sie Lust auf eine Tasse Tee habe. Es schien mir wenig sinnvoll, zwischen Bücherregalen stehen zu bleiben und so zu tun, als sei nichts geschehen. Außerdem hatte ich zu Hause noch Apfelkuchen.


Eine halbe Stunde später saßen wir in meinem Wohnzimmer. Frau Seidel hatte mir erzählt, worüber sie und ihre Freundin unterschiedlicher Meinung waren. Ich werde die Angelegenheit hier nicht näher ausführen, zumal es sich um eine Frage handelte, über die man durchaus verschiedener Ansicht sein konnte. Mich beschäftigte ohnehin weniger der Streitgegenstand als die Traurigkeit der Frau, die mir gegenübersaß.

„Am meisten verletzt mich, dass sie plötzlich alles vergessen zu haben scheint“, sagte sie. „Dreißig Jahre Freundschaft, all die Dinge, die wir miteinander erlebt haben. Und jetzt soll ein einziger Satz genügen, damit ich für sie ein völlig anderer Mensch bin?“

Ich nickte. Mir fiel einiges dazu ein, und ich war gerade im Begriff, meine Gedanken über die bedauerliche Neigung der Menschen zum vorschnellen Urteilen darzulegen, als Frau Seidel unvermittelt fragte:

„Hast du eigentlich wieder mit deinem Bruder gesprochen?“

Ich stellte meine Tasse ab.

„Selbstverständlich.“

Frau Seidel sah mich über den Rand ihrer Brille an. Ich mag diesen Blick nicht besonders. Er verrät gewöhnlich, dass mein Gegenüber etwas weiß, was ich lieber für mich behalten hätte.

„Wann denn zuletzt?“

„Vor einigen Wochen.“

„Sechs Wochen, um genau zu sein.“

„Meine Liebe, wir sind beide erwachsene Menschen und müssen nicht täglich miteinander telefonieren.“

„Er hat mir erzählt, dass du nicht mehr auf seine Nachrichten antwortest.“

Ich betrachtete meine Untertasse. Das Blumenmuster war ausgesprochen hübsch. Es war mir bisher nur nie aufgefallen.

Mein Bruder und ich hatten uns tatsächlich vor sechs Wochen gestritten. Wir waren gemeinsam essen gewesen, und er hatte die vollkommen unbegreifliche Behauptung aufgestellt, Jane Austen werde in literarischen Kreisen überschätzt.

Nun bin ich durchaus bereit, anderen Menschen ihre Ansichten zuzugestehen. Allerdings hatte mein Bruder seine Behauptung mit einer Lässigkeit vorgebracht, die mich erheblich reizte. Ich erklärte ihm deshalb ausführlich, weshalb er sich irrte.

Er wiederum bemerkte, ich würde mich gelegentlich aufführen, als sei die Lektüre von Stolz und Vorurteil eine Voraussetzung für menschlichen Anstand.

Eine unverschämte Unterstellung, wie ich fand. Wenngleich ich zugeben muss, dass die Welt gewiss nicht schlechter wäre, wenn mehr Menschen diesen Roman läsen.

Das Gespräch war unerfreulich verlaufen, und anschließend hatte ich seine Anrufe mit einer Vergesslichkeit behandelt, die sich bei mir sonst nur selten beobachten lässt.

„Das ist etwas anderes“, sagte ich zu Frau Seidel.

„Ach ja?“

„Natürlich. Mein Bruder hat sich nicht einfach anders geäußert. Er war ausgesprochen herablassend.“

„Und du?“

„Ich habe lediglich Jane Austen verteidigt.“

Frau Seidel lächelte.

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen.“

Ich wusste nicht recht, was ich darauf erwidern sollte.

„Du möchtest mir also sagen“, fragte ich schließlich, „dass ich mich genauso verhalte wie Marianne?“

„Nein. Ich kenne eure Auseinandersetzung nicht gut genug, um das zu behaupten. Aber dein Bruder vermisst dich. Das hat er mir jedenfalls gesagt.“

Ich schwieg.

„Und ich vermisse Marianne“, fügte sie hinzu. „Auch wenn ich immer noch finde, dass sie sich unmöglich benommen hat.“

Ich sah sie an. Sie hatte ihre Tasse mit beiden Händen umfasst und blickte zum Fenster hinaus. Ich glaube, erst in diesem Augenblick begriff ich, wie sehr sie unter der Sache litt.

Was meinen Bruder betraf, musste ich zugeben, dass ich in den vergangenen Wochen reichlich Zeit gehabt hatte, mich über seine literarischen Ansichten zu ärgern. Ob er mich tatsächlich verletzen wollte, hatte ich ihn hingegen nie gefragt.

Wir wechselten das Thema, und als Frau Seidel später ging, gab ich ihr das letzte Stück Kuchen mit. Sie erklärte, das sei nicht nötig, nahm es aber trotzdem mit. In solchen Dingen verstehen wir beide einander ausgezeichnet.


Nachdem sie gegangen war, blieb ich noch eine Weile am Fenster stehen. Draußen hatte es zu regnen begonnen, und die Straße glänzte im trüben Nachmittagslicht.

Ich dachte an meinen Bruder.

Er hatte mir als Kind das Fahrradfahren beigebracht, nachdem unser Vater mehrere erfolglose Versuche unternommen hatte. Während einer schweren Krankheit hatte er mich regelmäßig besucht und mir vorgelesen, obwohl er selbst nie viel für Bücher übriggehabt hatte. Als mein Mann starb, war er einer der ersten Menschen gewesen, die vor meiner Tür standen. Er hatte damals nicht versucht, mich mit klugen Worten zu trösten, sondern war einfach geblieben, hatte eingekauft und sich um die Dinge gekümmert, für die mir jede Kraft fehlte.

Und nun sprach ich seit sechs Wochen kaum mit ihm, weil er sich über Jane Austen lustig gemacht hatte.

Es kam mir auf einmal ziemlich töricht vor.

Natürlich hätte er seine Bemerkung freundlicher formulieren können. Ich wiederum hätte sie nicht gleich zum Anlass nehmen müssen, ihm eine halbstündige Vorlesung über englische Literatur zu halten. Wir hatten uns beide nicht gerade von unserer liebenswürdigsten Seite gezeigt.

Ich nahm mein Telefon zur Hand. Seine letzte Nachricht war vier Tage alt.

Ich hoffe, du bist nicht immer noch böse. Ich habe übrigens in der Buchhandlung ein Buch von Jane Austen gesehen und beinahe gekauft. Dann fiel mir ein, dass ich dich lieber erst fragen sollte, welches du empfehlen würdest.

Ich musste lächeln.

Dann schrieb ich zurück:

Mein lieber Bruder, ich bin bereit, über deine bedauerlichen literarischen Fehleinschätzungen hinwegzusehen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass du am Sonntag zum Kaffee kommst. Es gibt Apfelkuchen.

Wenige Minuten später erhielt ich eine Antwort.

Mit Rosinen?

Ich seufzte.

Manche Menschen sind wirklich eine Prüfung.

Selbstverständlich nicht.

Dann komme ich. Und bring mir bitte ein Buch von Jane Austen mit. Vielleicht habe ich ihr tatsächlich unrecht getan.

Ich las seine Nachricht zweimal. Anschließend stellte ich den Wasserkessel auf, obwohl ich gerade erst Tee getrunken hatte.

Es schien mir ein guter Nachmittag für eine zweite Tasse.


Am nächsten Morgen ging ich wieder in die Buchhandlung. Frau Winter war gerade dabei, einige Neuerscheinungen ins Schaufenster zu stellen, und begrüßte mich mit einem freundlichen Nicken.

„Haben Sie gestern noch etwas Schönes gefunden?“, fragte sie.

„Nur die Erkenntnis, dass ich mich gelegentlich ausgesprochen töricht benehme.“

Sie sah mich überrascht an.

„Dann war es immerhin ein erfolgreicher Besuch.“

Ich musste lachen.

Während ich durch die Regale schlenderte, dachte ich an Frau Bergmann. Ich wusste nicht, ob sie ihre heftigen Worte bereits bereute oder ob sie weiterhin der Ansicht war, Frau Seidel habe sie bitter enttäuscht. Und ich wusste ebenso wenig, ob ihre Freundin bereit sein würde, sich mit ihr auszusprechen.

Es stand mir auch nicht zu, den beiden eine Versöhnung aufzudrängen. Ihre Freundschaft gehörte ihnen, mitsamt den schönen Erinnerungen und den Schwierigkeiten, die sie nun miteinander hatten.

Als Frau Winter mich fragte, ob ich etwas Bestimmtes suche, entschied ich mich schließlich für eine schöne Ausgabe von Stolz und Vorurteil. Mein Bruder sollte wenigstens eine ordentliche Gelegenheit erhalten, seinen Irrtum einzusehen.

„Ein Geschenk?“, fragte sie.

„Für meinen Bruder.“

„Wie schön.“

„Er hält Jane Austen für überschätzt.“

Frau Winter hielt beim Einpacken inne.

„Dann ist es wohl ein besonders großzügiges Geschenk.“

„Ich bemühe mich um Nachsicht.“

„Das scheint mir in diesem Fall tatsächlich angebracht.“

Ich war mir nicht sicher, ob sie meinen Bruder meinte oder mich. Vorsichtshalber fragte ich nicht nach.


Am Sonntag erschien mein Bruder pünktlich zum Kaffee. Er brachte Blumen mit, lobte meinen Kuchen und erzählte mir ausführlich von einer neuen Buchhandlung, die er kürzlich entdeckt hatte.

Wir sprachen über unsere Kindheit, über Bekannte, die wir lange nicht gesehen hatten, und über seinen Rücken, der ihm neuerdings Beschwerden bereitete. Es war ein angenehmer Nachmittag, und irgendwann fiel mir auf, wie sehr ich unsere Gespräche vermisst hatte.

Erst als er gehen wollte, drückte ich ihm das Buch in die Hand.

„Du musst es nicht mögen“, sagte ich. „Aber ich würde mich freuen, wenn du ihm eine Gelegenheit gibst.“

Er betrachtete den Einband.

„Und wenn ich danach immer noch derselben Meinung bin?“

Ich überlegte kurz.

„Dann bist du vermutlich trotzdem noch mein Bruder.“

Er lachte und umarmte mich.

Als ich später die Tür hinter ihm schloss, war ich noch immer davon überzeugt, dass Jane Austen zu den größten Schriftstellerinnen aller Zeiten gehörte. Daran hatte unser Gespräch nicht das Geringste geändert.

Aber ich war froh, dass wir wieder miteinander sprachen.

Ob mein Bruder seine Meinung über Jane Austen ändern würde, wusste ich nicht. Es war mir an diesem Abend auch nicht mehr besonders wichtig. Ich hatte meinen Bruder zurück, und das erschien mir fürs Erste völlig ausreichend.

Später, als ich die Teetassen in die Küche trug, fiel mir ein, dass Frau Bergmann und Frau Seidel nun schon seit mehreren Tagen nicht mehr miteinander gesprochen hatten. Ich nahm mir vor, mich bei Gelegenheit nach beiden zu erkundigen, ohne ihnen gleich meine Vorstellungen von einer vernünftigen Versöhnung aufzudrängen.

Schließlich wusste ich aus eigener Erfahrung, dass man einen Streit selten dadurch beendet, dass man den Beteiligten erklärt, wie töricht sie sich verhalten.

Und sollte mein Bruder nach der Lektüre von Stolz und Vorurteil weiterhin behaupten, Jane Austen werde überschätzt, würde ich mich bemühen, auch das zu ertragen.

Mehr konnte man von mir beim besten Willen nicht verlangen.


Ein kleiner Ausblick auf die nächste Aufzeichnung …

In ihrer nächsten Aufzeichnung begegnet unsere höchst ungehörige Dame Frau Bergmann wieder, die sich mit ihrer langjährigen Freundin so heftig zerstritten hat. Sie ist sich ziemlich sicher, was sie von deren Verhalten halten soll. Doch ein Gespräch auf dem Wochenmarkt bringt sie ins Grübeln. Offenbar ist es gar nicht so einfach, einem Menschen gerecht zu werden, den man bereits beurteilt hat.

Davon erzählt sie am kommenden Mittwoch in „Von der Schwierigkeit, andere Menschen gelten zu lassen“.