Ich habe mir vorgenommen, weniger vorschnell über andere Menschen zu urteilen. Ein vernünftiger Entschluss, fand ich, zumal mich meine eigene Geschichte mit meinem Bruder gerade erst gelehrt hatte, wie beharrlich man an einem Ärgernis festhalten kann, das ein offenes Gespräch kaum überlebt hätte.
Mein guter Vorsatz hielt vier Tage. Am Freitag traf ich Frau Bergmann auf dem Wochenmarkt. Sie stand vor einem Blumenstand und betrachtete weiße Astern, als müsse sie eine Entscheidung treffen, von der das Wohl der ganzen Stadt abhinge. Normalerweise wählt Frau Bergmann ihre Einkäufe mit großer Bestimmtheit. An diesem Morgen legte sie einen Strauß zurück, nahm ihn wieder auf und bemerkte mich erst, als ich beinahe an ihr vorbeigegangen war.
„Guten Morgen“, sagte sie. „Sie haben es sicher schon gehört.“
Ich halte diese Eröffnung für eine der gefährlicheren Formen gesellschaftlicher Unterhaltung. Fast immer soll man im nächsten Augenblick eine Meinung zu einer Angelegenheit abgeben, von der man bisher nichts wusste.
„Kommt darauf an, was ich gehört haben soll.“
„Elisabeth und ich sprechen nicht mehr miteinander.“
„Das tut mir leid.“
„Sie hat Ihnen bestimmt erzählt, weshalb.“
Ich hätte behaupten können, Frau Seidel habe die Sache nur beiläufig erwähnt. Doch wir hatten bei Tee und Apfelkuchen recht lange darüber gesprochen, und ich fand, dass eine zweite Unaufrichtigkeit die erste nicht verbessern würde.
„Sie war neulich bei mir“, sagte ich. „Sie ist sehr traurig.“
Frau Bergmann sah auf die Astern. „Ich etwa nicht?“
Das hatte ich tatsächlich noch nicht bedacht. Ich wusste, dass sie ihre Freundin mit ihren Worten verletzt hatte. Dass sie selbst unter der Trennung leiden könnte, war mir zwar theoretisch klar gewesen, hatte in meinem Urteil aber kaum eine Rolle gespielt.
„Das wollte ich nicht sagen.“
„Sie denken, ich hätte mich unmöglich benommen.“
„Ich denke, dass Ihre Worte Elisabeth sehr wehgetan haben.“
„Weil ich zu meinen Grundsätzen stehe?“
„Nein. Weil Sie ihr gesagt haben, Sie würden sie nach dreißig Jahren offenbar gar nicht kennen.“
Frau Bergmann schwieg. Dann legte sie die Astern endgültig zurück und fragte, ob ich ein Stück mit ihr gehen wolle. Sie müsse zur Apotheke; der Weg führe ohnehin in meine Richtung.
Wir gingen zunächst schweigend nebeneinander her. Unter unseren Schuhen raschelte das erste trockene Laub, und aus der Bäckerei an der Ecke drang ein Duft nach frischem Brot, der mich kurz daran erinnerte, dass ich eigentlich nur Äpfel und Eier hatte kaufen wollen.
„Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, das Richtige zu tun“, sagte Frau Bergmann schließlich.
„Das glaube ich Ihnen.“
„Meine Eltern haben immer gesagt, man müsse den Mut haben, seine Überzeugungen auszusprechen. Auch wenn es anderen nicht gefällt.“
„Das klingt nach einem guten Rat. Nur kommt es wohl darauf an, wie man ihn beherzigt.“
Sie blieb stehen. „Das heißt, ich soll künftig lieber schweigen?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber Sie meinen es.“
„Nein, Frau Bergmann. Ich meine, dass Sie mit Elisabeth streiten dürfen, ohne ihr deshalb dreißig Jahre Freundschaft abzusprechen.“
Sie ging weiter, diesmal etwas langsamer. Vor der Apotheke blieb sie wieder stehen.
„Donnerstags haben wir immer Kaffee getrunken“, sagte sie. „Seit Jahren. Sie isst erst die Marmelade und streicht dann Butter aufs Brötchen. Ich habe sie hundertmal gefragt, wie sie auf so eine Unsitte kommt.“
Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Und trotzdem sind Sie immer wieder hingegangen.“
„Natürlich. Elisabeth macht ausgezeichneten Kaffee.“
Ihre Mundwinkel zuckten, dann sah sie zu Boden. „Letzten Donnerstag saß ich allein da. Und ich war noch nicht einmal froh darüber, dass ich meine Ruhe hatte.“
Nun hätte ich ihr sagen können, sie solle ihre Freundin einfach anrufen. Es war der naheliegendste Rat, und ich hatte ihn bereits auf der Zunge. Doch dann erinnerte ich mich an meinen eigenen Bruder und daran, wie wenig mir ein gut gemeinter Befehl genützt hätte.
„Was vermissen Sie am meisten?“, fragte ich.
Sie überlegte lange. „Dass ich ihr alles erzählen konnte. Auch die albernen Sachen.“
„Dann sollten Sie ihr das eines Tages sagen.“
„Und wenn sie mir wieder widerspricht?“
„Das wird sie vermutlich tun. Sie kennen sie schließlich seit dreißig Jahren.“
Diesmal lachte Frau Bergmann richtig. Es war das erste unbeschwerte Geräusch, das ich an diesem Morgen von ihr hörte.
Zu Hause war ich mit meinem Verhalten einigermaßen zufrieden. Ich hatte zugehört, nicht geschimpft und nur einen einzigen Ratschlag erteilt. Für meine Verhältnisse war das bemerkenswert zurückhaltend.
Dann rief meine Nachbarin an.
„Du wirst es nicht glauben“, begann sie. „Frau Bergmann hat beim Herbstfest behauptet, ich hätte alles falsch organisiert.“
„Das sieht ihr ähnlich“, entfuhr es mir.
„Ach?“
„Sie hat nun einmal die Angewohnheit, ihre Ansichten für die einzig vernünftigen zu halten.“
Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
„Du warst doch heute mit ihr unterwegs“, sagte meine Nachbarin endlich.
„Ja.“
„Und gerade hast du mir erzählt, wie unglücklich sie wegen Elisabeth ist.“
„Das macht ihre Unhöflichkeit nicht besser.“
„Nein. Aber du wolltest doch gerade lernen, nicht so schnell über einen Menschen zu urteilen.“
Ich sah auf den Einkaufskorb, in dem noch immer die Äpfel lagen.
„Ich urteile nicht über sie“, sagte ich. „Ich beschreibe nur ihr Verhalten.“
„Natürlich“, erwiderte meine Nachbarin in einem Ton, der mir seit geraumer Zeit verdächtig vertraut vorkommt.
Nach dem Auflegen schälte ich die Äpfel. Eine Tätigkeit, bei der man sich ausgezeichnet darüber ärgern kann, dass andere Menschen recht haben. Besonders dann, wenn sie einem nicht einmal die Gelegenheit geben, ihre Behauptung ausführlich zu widerlegen.
Am Nachmittag suchte ich ein altes Fotoalbum aus dem Schrank. Ich kann nicht behaupten, dass dafür ein vernünftiger Anlass bestand; ich wollte lediglich etwas tun, das weder mit Frau Bergmann noch mit meiner Nachbarin zu tun hatte. Zwischen den Seiten fand ich ein Bild meiner früheren Kollegin Frau Albrecht und mir vor der Stadtbibliothek.
Wir hatten jahrelang gut zusammengearbeitet, obwohl wir über erstaunlich vieles stritten. Sie liebte moderne Romane und ließ gelegentlich Bücher auf ihrem Schreibtisch liegen, die längst hätten einsortiert werden sollen. Ich dagegen konnte bei einem falsch abgestellten Band die Ordnung des gesamten Hauses bedroht sehen. Einmal sprachen wir nach einer Auseinandersetzung über eine Ausstellung drei Tage lang nur das Nötigste miteinander.
Heute weiß ich nicht mehr, worum es damals eigentlich ging. Ich weiß aber noch, dass sie mir am vierten Morgen wortlos eine Tasse Kaffee hinstellte. Später fragte sie, ob wir bei der nächsten Ausstellung nicht einfach beide Vorschläge ausprobieren könnten.
Wir hatten einander nicht überzeugt. Trotzdem arbeiteten wir weiter zusammen, und wir hatten noch viele gute Jahre.
Ich betrachtete das Foto. Es fiel mir schwer, Frau Bergmann denselben Spielraum zuzugestehen, den ich Frau Albrecht ganz selbstverständlich eingeräumt hatte. Gewiss war Frau Bergmann manchmal anstrengend. Ihre Bemerkung zu Elisabeth ließ sich auch durch Kummer nicht entschuldigen. Aber ich hatte inzwischen einen weiteren Teil von ihr kennengelernt: eine Frau, die ihre beste Freundin vermisste und nicht wusste, wie sie wieder auf sie zugehen sollte.
Das machte sie nicht automatisch liebenswürdig. Es machte sie allerdings menschlicher, als mein vorschnelles Urteil ihr zugestanden hatte.
Am folgenden Donnerstag traf ich Frau Seidel vor der Buchhandlung. Sie hielt einen kleinen Papierbeutel in der Hand und sah weniger bedrückt aus als bei unserem letzten Gespräch.
„Ich habe Marianne geschrieben“, erzählte sie mir. „Ich habe gefragt, ob sie wieder einmal Kaffee trinken möchte.“
„Hat sie geantwortet?“
„Noch nicht.“
Ich nickte. „Dann müssen wir wohl abwarten.“
Frau Seidel blickte zu den Büchern im Schaufenster. „Ich weiß nur nicht, ob wir jemals wieder so unbefangen miteinander sprechen können.“
Ich dachte an Frau Bergmann vor der Apotheke, an die Marmelade auf dem Brötchen und an den einsamen Donnerstag.
„Ich weiß es auch nicht“, sagte ich. „Aber sie vermisst Sie. Das darf ich Ihnen wohl verraten.“
Frau Seidel sah mich überrascht an. Dann lächelte sie, und ich war froh, nichts Weiteres hinzugefügt zu haben.
Als sie gegangen war, entdeckte ich im Schaufenster einen Roman, dessen Titel ich für ausgesprochen albern hielt. Der Einband war noch schlimmer. Ich war schon im Begriff, meinen üblichen Kommentar zur zeitgenössischen Buchgestaltung abzugeben, als Frau Winter die Tür öffnete.
„Kann ich etwas für Sie tun?“
„Ich würde gern das Buch dort ansehen.“
Sie folgte meinem Blick. „Das? Sie mögen doch sonst keine solchen Geschichten.“
„Das weiß ich noch nicht. Ich habe es ja nicht gelesen.“
Frau Winter lächelte und holte den Roman aus dem Fenster.
Ich nahm ihn mit nach Hause. Nach zwanzig Seiten wusste ich, dass der Einband tatsächlich nicht das größte Problem dieses Buches war. Die Geschichte gefiel mir ebenso wenig.
Ich las trotzdem bis Seite vierzig, um sicherzugehen, und legte es dann zur Seite. Man muss schließlich nicht jeden Roman mögen, nur weil man ihn unvoreingenommen begonnen hat.
Am Abend erzählte ich meiner Nachbarin davon. Sie lachte und fragte, ob ich nun auch meine Meinung über Frau Bergmann geändert hätte.
„Nicht vollständig“, erwiderte ich. „Aber ich kenne sie inzwischen ein bisschen besser.“
„Das ist doch etwas.“
„Gewiss. Und falls du mich künftig dabei ertappst, vorschnell über andere Menschen zu urteilen, darfst du mich daran erinnern.“
Sie sah mich erfreut an.
„Ich werde mir Mühe geben, nicht zu oft davon Gebrauch zu machen“, fügte ich rasch hinzu.
Sie versprach nichts. Was mich, wenn ich ehrlich bin, ein wenig beunruhigt.
Ein kleiner Ausblick auf die nächste Aufzeichnung …
In ihrer nächsten Aufzeichnung erinnert sich unsere höchst ungehörige Dame an einen Jungen, der vor vielen Jahren immer wieder die Bibliothek besuchte und doch niemals ein Buch auslieh. Sie hielt ihn zunächst für wenig interessiert. Erst später begriff sie, dass sie ihm zwar viele Vorschläge gemacht, aber die entscheidende Frage nie gestellt hatte.
Wie aus dieser Begegnung eine Erinnerung wurde, die sie bis heute begleitet, erzählt sie am kommenden Mittwoch in „Über die seltene Kunst des Zuhörens“.
