Meine Rezension mit Spoilern, einigen Zweifeln und ziemlich vielen Theorien über die Zukunft von Prythian und die anderen Welten im Maas-Universum.
Achtung: Dieser Artikel enthält ausführliche Spoiler zu A Court of Splintered Harmony sowie Hinweise auf die Handlung von Crescent City und Throne of Glass.
Nun habe ich den neuen Band von Sarah J. Maas’ Das Reich der sieben Höfe ausgelesen und bin noch immer dabei, meine Gedanken zu sortieren. Fünf Jahre haben wir auf die Fortsetzung gewartet, und entsprechend neugierig war ich, wie es mit Feyre, Rhysand, Nesta und all den anderen weitergeht.
Hat mir das Buch gefallen? Ja, durchaus. Allerdings mit einigen Abstrichen. Manche Entwicklungen haben mich begeistert, andere haben mich irritiert, und bei einigen Figuren frage ich mich inzwischen ernsthaft, was Sarah J. Maas mit ihnen vorhat.
Eines muss ich ihr allerdings lassen: Der Titel A Court of Splintered Harmony, also etwa „Ein Hof der zersplitterten Harmonie“ oder etwas literarischer: „Ein Hof zerbrochener Eintracht“, ist ausgesprochen treffend gewählt. Denn von der einst so eingeschworenen Gemeinschaft am Hof der Nacht ist inzwischen erschreckend wenig übrig geblieben. Überall entstehen Risse, alte Gewissheiten geraten ins Wanken und selbst Beziehungen, die ich nach den bisherigen Büchern für gefestigt gehalten hatte, stehen plötzlich auf ziemlich unsicherem Boden.
Gleichzeitig habe ich beim Lesen zunehmend das Gefühl bekommen, dass Frau Maas hier etwas sehr viel Größeres vorbereitet. Die Verbindungen zwischen ihren verschiedenen Fantasywelten werden immer deutlicher, und wenn ich an die zahlreichen Andeutungen über alte Magie, vergessene Reiche und möglicherweise noch unbekannte Welten denke, dann könnte uns in den nächsten Büchern tatsächlich etwas Außergewöhnliches erwarten.
Allerdings verlangt dieser erste Teil des neuen Valkyrie Cycle seinen Lesern einiges an Geduld ab. Vieles wird angerissen, etliche Konflikte bleiben ungelöst und manche Handlung scheint gerade erst in Gang zu kommen.
Stellenweise kam mir das Buch deshalb wie ein ziemlich langer Prolog vor. Einer, der zwar unglaublich viele Möglichkeiten eröffnet, mich aber gelegentlich auch etwas ratlos zurückgelassen hat.
Was ist nur aus dem Inner Circle geworden?
Am meisten beschäftigt hat mich die Entwicklung einiger vertrauter Charaktere. Vor allem Cassian hat mich enttäuscht. Nach A Court of Silver Flames hatte ich eigentlich gehofft, dass er und Nesta endlich an einem Punkt angekommen wären, an dem sie einander wirklich verstehen und vertrauen.
Natürlich war Nestas Entscheidung, Bryce Quinlan die Maske zu überlassen, riskant. Ich kann auch nachvollziehen, dass Cassian darüber wütend ist. Was mir allerdings schwerfällt, ist sein Verhalten gegenüber Nesta. Seine Loyalität zu Rhysand scheint erneut schwerer zu wiegen als die Beziehung zu seiner eigenen Gefährtin.
Dabei haben die beiden so viel miteinander durchgestanden. Gerade deshalb hätte ich mir von Cassian etwas mehr Verständnis gewünscht.
Immerhin nähern sie sich im Laufe des Buches wieder an. Ganz überzeugt hat mich diese Versöhnung allerdings nicht. Irgendetwas bleibt für mich zwischen den beiden bestehen, und ich hoffe sehr, dass Maas ihre Beziehung künftig wieder etwas glaubwürdiger entwickelt.
Oder verfolgt sie mit Cassian tatsächlich einen ganz anderen Plan? Ich habe mich beim Lesen sogar kurz gefragt, ob er die kommenden Ereignisse überhaupt überleben wird. Hoffentlich irre ich mich damit.
Auch Azriel war mir diesmal stellenweise ziemlich fremd. Ich mochte diesen geheimnisvollen, zurückhaltenden Schattenkrieger bisher ausgesprochen gern. Seine tragische Vergangenheit, seine Schatten und seine stille Art machten ihn für mich zu einer der interessantesten Figuren.
Dass wir nun mehr über seine Kindheit und seine inneren Konflikte erfahren, finde ich grundsätzlich gut. Allerdings hatte ich gelegentlich den Eindruck, dass Azriel vor lauter Selbsthass kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann.
Seine Fixierung auf Elain hat mir ebenfalls weniger gefallen, zumal er sich teilweise ausgesprochen unüberlegt verhält. Vielleicht müssen wir uns tatsächlich von dem Bild verabschieden, das wir uns bisher von ihm gemacht haben.
Seine Schatten scheinen jedenfalls mehr zu wissen als er selbst. Darauf komme ich später noch zurück.
Und dann wäre da noch Elain. Mit ihr werde ich nach wie vor nicht richtig warm. Ich finde sie weiterhin ziemlich farblos, obwohl sie in diesem Band zumindest gelegentlich deutlich macht, dass unter ihrer ruhigen Oberfläche einiges brodelt.
Ihre Wut auf die Schwestern kann ich teilweise verstehen. Schließlich wird sie noch immer häufig behandelt, als bestünde ihr Leben hauptsächlich aus Blumen, Gartenarbeit und hübschen Kleidern. Dabei ist sie eine Seherin, über deren tatsächliche Fähigkeiten wir erstaunlich wenig wissen.
Gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, endlich einmal ihre Gedanken kennenzulernen.
Was empfindet sie wirklich für Azriel? Was weiß sie über ihre eigene Zukunft? Und warum kann sie Lucien gegenüber nicht endlich eine klare Entscheidung treffen?
Die Szene, in der Nesta ihrer Schwester deswegen ordentlich den Kopf wäscht, fand ich durchaus angebracht.
Elain hat selbstverständlich das Recht, den Seelenbund abzulehnen. Aber Lucien hat sich diesen Bund genauso wenig ausgesucht wie sie, und inzwischen tut er mir wirklich leid. Er bemüht sich, hält Abstand, versucht Rücksicht zu nehmen und weiß doch nie, woran er ist.
Ich würde ihm wünschen, dass er endlich sein eigenes Glück findet, ganz gleich, ob mit Elain oder einer anderen Frau.
Allerdings lässt mich Elains Bemerkung, dass die frühere Elain im Kessel gestorben sei, nicht los.
Was genau ist damals mit ihr geschehen? Haben sich ihre Fähigkeiten vielleicht viel stärker verändert, als wir bisher ahnen? Oder weiß sie als Seherin etwas über ihre Zukunft, das sie lieber für sich behält?
Ich habe mich sogar gefragt, ob Elain andere Menschen durch ihre Magie beeinflussen könnte. Vielleicht besitzt sie Fähigkeiten, die wir bislang gar nicht mit ihr in Verbindung gebracht haben. Eine Art Sirenenmagie beispielsweise?
Das ist natürlich eine ziemlich gewagte Theorie. Aber bei Maas sollte man bekanntlich auch die unwahrscheinlicheren Möglichkeiten im Hinterkopf behalten.
Bei Elain habe ich ohnehin das Gefühl, dass ihre eigentliche Geschichte gerade erst beginnt. Vielleicht bekommen wir im nächsten Band endlich Gelegenheit, sie besser kennenzulernen und vor allem zu verstehen, was wirklich in ihr vorgeht.
Denn so sehr mich ihr Verhalten bisher auch irritiert hat, bin ich durchaus neugierig, welche Rolle Sarah J. Maas ihr in der kommenden Geschichte zugedacht hat.
Nesta, die Walküren und eine Freundschaft, die wieder zusammenfinden muss
Während mich einige Figuren enttäuscht haben, konnte mich Nesta erneut überzeugen. Sie ist für mich inzwischen eine der interessantesten Persönlichkeiten der gesamten Reihe. Ich mochte schon in A Court of Silver Flames, dass Maas ihr so viele Ecken und Kanten gelassen hat. Nesta ist stolz, eigensinnig, gelegentlich verletzend und durchaus in der Lage, ausgesprochen schlechte Entscheidungen zu treffen.
Aber sie entwickelt sich weiter. Gerade ihre Auseinandersetzungen mit Rhysand finde ich interessant. Ich kann seine Wut über die Sache mit Bryce zwar verstehen, allerdings habe ich zunehmend das Gefühl, dass Nesta es ihm kaum noch recht machen kann.
Und ehrlich gesagt gefällt mir Rhysand wieder besser, wenn er seine gefährliche, kompromisslose Seite zeigt. Unter seiner eleganten Oberfläche schlummert schließlich immer noch ein ziemlich mächtiges Biest. Das darf ruhig gelegentlich zum Vorschein kommen.
Bei Feyre hatte ich ebenfalls das Gefühl, dass sie wieder mehr eigene Entscheidungen trifft und sich zunehmend gegen andere Meinungen behauptet. Besonders ihre Haltung gegenüber Amren fand ich bemerkenswert.
Aber zurück zu Nesta. Beim Angriff von Bryaxis während der Namenszeremonie von Nyx zeigt sich erneut, wie viel sie inzwischen durchgestanden hat. Während die anderen in ihren schlimmsten Ängsten gefangen sind, gelingt es ihr, die Illusionen zu durchschauen und zu handeln.
Überhaupt scheint Nesta immer stärker mit einer Magie verbunden zu sein, deren Ursprung wir noch gar nicht vollständig kennen.
Und dann sind da noch ihre beiden Freundinnen Gwyn und Emerie. Die drei haben gemeinsam die Walküren wieder zum Leben erweckt und die Blutprüfung überstanden. Ich fand ihre Freundschaft im vorherigen Band wunderschön, gerade weil alle drei ihre ganz eigenen Verletzungen mitbrachten und durch das gemeinsame Training wieder Vertrauen ins Leben gewannen.
Nun scheint auch diese Gemeinschaft auseinanderzubrechen. Gwyn hat Nesta noch immer nicht verziehen, dass sie sie während der Blutprüfung bewusstlos geschlagen hat, um sie zu schützen. Das Training findet kaum noch statt, und jede der drei scheint wieder ein Stück weit in ihre alte Welt zurückzukehren.
Gerade bei Gwyn finde ich das schade. Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen, und ich würde gern mehr über ihre Vergangenheit, ihre Abstammung und vor allem ihre Fähigkeiten erfahren. Denn irgendetwas stimmt mit ihrem Gesang nicht. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: Irgendetwas ist daran ungewöhnlich.
Azriels Schatten reagieren auf Gwyns Anwesenheit und auf ihre Stimme. Bei Elain ziehen sie sich dagegen zurück. Warum eigentlich? Könnte es sein, dass die Schatten etwas erkennen, das Azriel selbst noch gar nicht versteht?
Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Gwyn und Azriel einander näherkämen. Zwischen ihnen gibt es eine Verbindung, die mich wesentlich mehr interessiert als seine bisherige Beziehung zu Elain.
Und schließlich heißt der neue Handlungsbogen The Valkyrie Cycle. Dass Maas ausgerechnet zu Beginn dieses Zyklus die Freundschaft zwischen Nesta, Gwyn und Emerie auf eine so harte Probe stellt, dürfte kaum zufällig sein.
Ich vermute, dass die drei erst wieder zueinanderfinden müssen, bevor sie ihre eigentliche Bedeutung erkennen können. Vielleicht werden die Walküren künftig sogar eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die uralten Mächte spielen.
Clotho, Bryaxis und das silberne Band – ein Geschenk mit Hintergedanken?
Eine der Szenen, die mich besonders beschäftigt haben, ist die Namenszeremonie von Nyx. Schon Clothos Geschenk kam mir merkwürdig vor.
Sie überreicht Nesta ein außergewöhnliches silbernes Band, das beinahe schwerelos wirkt und irgendwie lebendig zu sein scheint. Während der Zeremonie soll es Nyx mit seinen Eltern und der Mutter verbinden.
Als Bryaxis auftaucht und die Anwesenden mit ihren schlimmsten Ängsten konfrontiert, erfüllt das Band tatsächlich eine wichtige Funktion. Nyx bleibt mit Feyre und Rhysand verbunden, obwohl beide in den schrecklichen Visionen gefangen sind.
Das ist natürlich zunächst einmal eine schöne Vorstellung. Aber weshalb hat Clotho ausgerechnet dieses Geschenk gewählt? Wusste sie, was während der Zeremonie geschehen würde?
Noch merkwürdiger fand ich ihr späteres Verhalten gegenüber Bryaxis. Sie gewährt dem Wesen erneut Zuflucht in der Bibliothek und bezeichnet es als eine verlorene Schwester.
Eine verlorene Schwester? Da musste ich doch erst einmal überlegen.
Was verbindet Clotho mit Bryaxis? Und was wissen die Priesterinnen über dieses Wesen, das wir bisher für ein schreckliches Monster gehalten haben?
Vielleicht lohnt es sich, in diesem Zusammenhang noch einmal einen Blick auf Throne of Glass zu werfen.
Dort begegnen wir den stygischen Spinnen, die eine außergewöhnliche Seide herstellen und mit Lebensjahren handeln.
Ob Clothos silbernes Band aus einer solchen Seide bestehen könnte? Die Beschreibung würde jedenfalls dazu passen.
Noch interessanter finde ich allerdings ihren Namen. In der griechischen Mythologie gehört Klotho zu den drei Schicksalsgöttinnen, den Moiren. Sie spinnt den Lebensfaden eines Menschen, während ihre Schwestern Lachesis und Atropos über dessen Länge und Ende bestimmen.
Ein silberner Faden für ein neugeborenes Kind bekommt vor diesem Hintergrund natürlich eine ganz andere Bedeutung.
Könnte Clotho selbst eine Verbindung zu den Spinnen aus Throne of Glass haben? Oder ist sie vielleicht sogar ein Wesen, dessen wahre Gestalt wir noch gar nicht kennen?
Ich finde diese Theorie ausgesprochen reizvoll.
Und was hat Bryaxis Nyx während des Angriffs eigentlich gezeigt? Könnte das, was er gesehen oder erlebt hat, noch Auswirkungen auf seine Zukunft haben?
Es wäre jedenfalls typisch für Maas, wenn ein zunächst harmlos erscheinendes Geschenk später noch eine ganz andere Bedeutung bekäme.
Amren, der Dämmerungshof und das Geheimnis um Gwydion
Auch Amren gibt mir zunehmend Rätsel auf. Seit ihrer Rückkehr aus dem Kessel frage ich mich, was eigentlich aus ihr geworden ist. Wie viel von ihrem ursprünglichen Wesen ist noch vorhanden? Und besitzt sie möglicherweise Wissen oder Fähigkeiten, über die sie bisher geschwiegen hat?
In diesem Buch wirkt sie auf mich teilweise ausgesprochen verändert. Besonders ihre Auseinandersetzungen mit Feyre und ihre Gespräche mit Nesta haben mich nachdenklich gemacht.
Sie scheint auffallend viel Interesse an Nestas Verbindung zum Gefängnis und dem einstigen Dämmerungshof zu haben. Warum beschäftigt sie sich so intensiv damit? Und welche Bedeutung könnte Gwydion in diesem Zusammenhang besitzen?
Ich kann mich jedenfalls des Eindrucks nicht erwehren, dass Amren mehr über die Geschichte des einstigen Dämmerungshofes weiß, als sie preisgibt.
Vielleicht verfolgt sie tatsächlich einen eigenen Plan. Immerhin hat sie Rhysand schon früher nahegelegt, die Herrschaft über sämtliche Höfe anzustreben.
Was wäre aber, wenn sie inzwischen eine ganz andere Person dafür im Sinn hätte? Nesta beispielsweise?
Noch gewagter ist natürlich die Theorie, dass Amren zeitweise gar nicht Amren ist. Könnte sich ein anderes Wesen ihrer Gestalt bedienen? Vielleicht sogar Aidas aus Crescent City, der Prinz von Hel?
Ich gebe zu, das klingt ziemlich verrückt. Aber Amrens Herkunft war schon immer geheimnisvoll, und angesichts der zunehmenden Verbindungen zwischen den Welten würde ich inzwischen kaum etwas ausschließen.
Vielleicht ist die Erklärung allerdings sehr viel einfacher, und Amren kennt lediglich Teile einer uralten Geschichte, die für die Zukunft Prythians entscheidend werden könnten.
Das Gefängnis, das einst der Dämmerungshof war, scheint mir jedenfalls einer der wichtigsten Schauplätze für die kommenden Bücher zu sein.
Schon seit Bryces Besuch in Prythian wissen wir, dass dort wesentlich mehr verborgen liegt als die Gefangenen, von denen bisher die Rede war.
Auch Nestas Verbindung zum achtzackigen Stern und zu den erschaffenen magischen Gegenständen lässt vermuten, dass sie für diesen Ort eine besondere Bedeutung besitzt.
Und was hat es mit jener geheimnisvollen Präsenz im Meer vor der Insel auf sich, die Nesta bei ihrem missglückten Versuch, dorthin zu gelangen, wahrnimmt?
Da liegt offenbar noch einiges verborgen. Der Schluss des Buches lässt uns jedenfalls mit einem ganz ordentlichen Cliffhanger zurück. Und mit so vielen offenen Fragen, dass ich am liebsten sofort zum nächsten Band greifen würde. Vielen Dank auch, Frau Maas.
Wie viele Welten gibt es eigentlich?
Was mich an diesem Buch beinahe noch mehr beschäftigt als die persönlichen Konflikte, sind die zahlreichen Andeutungen über andere Welten.
Schon in Crescent City wurde deutlich, dass die Geschichten von Sarah J. Maas viel enger miteinander verbunden sind, als es zunächst den Anschein hatte.
Bryce Quinlans Reise nach Prythian, ihre Begegnung mit Nesta und Azriel und die Enthüllungen über die Asteri und die Daglan haben schließlich einige der bisherigen Gewissheiten ins Wanken gebracht.
Auch Gwydion, das in Crescent City als Sternenschwert bekannt ist, und Azriels Dolch Truth-Teller gehören offenbar zu einer sehr viel älteren Geschichte.
Und dann gibt es noch Throne of Glass.
Wer sich an Aelins Reise durch die verschiedenen Welten am Ende dieser Reihe erinnert, dürfte schon damals über ihre kurze Begegnung mit Rhysand und Feyre gestolpert sein.
Inzwischen frage ich mich, wie viele solcher Verbindungen Maas bereits über Jahre hinweg vorbereitet hat.
Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Priesterin Merrill, für die Gwyn arbeitet.
Merrill beschäftigt sich mit der Existenz verschiedener Welten und der Möglichkeit, dass diese gleichzeitig nebeneinander bestehen. Ihre Forschungen wurden schon in A Court of Silver Flames erwähnt, bekommen durch die jüngsten Ereignisse aber eine völlig neue Bedeutung.
Wenn ihre Theorien zutreffen, dann kennen wir möglicherweise erst einen Bruchteil des gesamten Maas-Universums.
Vielleicht existieren zahlreiche Welten, die durch verborgene Wege miteinander verbunden sind. Vielleicht stammen einige der Wesen, die wir aus Prythian kennen, ursprünglich aus ganz anderen Reichen.
Und vielleicht gehören manche der uralten Mythen, die immer wieder erwähnt werden, zu einer gemeinsamen Geschichte. Ich finde diese Vorstellung faszinierend.
Allerdings hoffe ich auch, dass Maas bei all diesen Möglichkeiten ihre Figuren nicht aus den Augen verliert. Schließlich habe ich die Reihe ursprünglich wegen Feyre, Rhysand und ihrer Geschichte so gern gelesen.
Inzwischen scheint sich der Schwerpunkt immer stärker auf eine große, weltumspannende Fantasyhandlung zu verlagern. Das kann ausgesprochen spannend werden. Es muss am Ende allerdings auch alles irgendwie zusammenpassen.
Gwyns Gesang, Erebos und die Macht der alten Namen
Wenn wir schon bei alten Geheimnissen sind, möchte ich noch einmal auf Gwyn und Azriel zurückkommen. Besonders auffällig finde ich, wie unterschiedlich Azriels Schatten auf andere Menschen und Wesen reagieren.
Bei Gwyn scheinen sie sich beinahe wohlzufühlen. Ihre Stimme und ihr Gesang ziehen sie an, während sie Elains Nähe eher meiden.
Und dann begegnen wir Erebos, jenem schattenhaften Wesen, das Azriel begleitet und ebenfalls einige Fragen aufwirft. Sein Name hat mich sofort aufhorchen lassen. In der griechischen Mythologie verkörpert Erebos die Finsternis. Eng damit verbunden ist Nyx, die Göttin der Nacht. Und ausgerechnet Feyres und Rhysands Sohn heißt Nyx.
Ich glaube kaum, dass Maas diese Namen ohne jeden Hintergedanken gewählt hat. Was daraus für ihre Geschichte folgt, lässt sich bisher natürlich schwer sagen. Aber die Verbindung zwischen Nacht, Finsternis, Schatten und möglicherweise sogar Schicksal erscheint mir schon ziemlich auffällig.
Dazu kommt Gwyns ungewöhnlicher Gesang. Könnte ihre Stimme eine alte Magie wecken? Vielleicht sogar etwas, das mit den vergessenen Welten und den Walküren zusammenhängt?
Gerade angesichts des Titels des nächsten Bandes, A Court of Forgotten Melody, finde ich diese Überlegung interessant. Eine vergessene Melodie, die Walküren und eine junge Priesterin, deren Stimme offenbar magische Kräfte besitzt – da könnte durchaus mehr dahinterstecken.
Koschei, Vassa, Hybern und die anderen Reiche
Auch politisch wird die Geschichte immer komplizierter. Während sich am Hof der Nacht die vertrauten Beziehungen auflösen, wächst auf dem Kontinent eine neue Bedrohung heran.
Die Reiche Vallahan, Montesere und Rask verfolgen eigene Interessen und scheinen entschlossen, die alten Machtverhältnisse wiederherzustellen. Dazu kommt Koschei, der Unsterbliche, dessen Einfluss zunehmend spürbar wird.
Die Verhandlungen am Anfang des Buches fand ich deshalb durchaus interessant, auch wenn ich zunächst Schwierigkeiten hatte, die verschiedenen Parteien und ihre Absichten auseinanderzuhalten.
Besonders die Königin von Vallahan hat mich irgendwie an die Schneekönigin erinnert. Diese kühle, unnahbare Ausstrahlung und die selbstverständliche Überlegenheit, mit der sie auftritt, hatten für mich etwas Märchenhaftes.
Und als das Gespräch auf die Namenszeremonie von Nyx und die nicht eingeladenen Gäste kam, musste ich natürlich sofort an Dornröschen denken. Überhaupt scheint Maas wieder einmal aus ganz unterschiedlichen Märchen und Sagen zu schöpfen.
Koschei stammt ursprünglich aus der slawischen Mythologie. Dort verbirgt der Unsterbliche seinen Tod außerhalb seines Körpers, sodass er nur unter ganz bestimmten Bedingungen besiegt werden kann. Auch bei Maas spielt dieses Motiv eine Rolle. Besonders interessant ist Vassas Verbindung zu den Frauen, die Koschei gefangen hält. Ihre Abstammung führt offenbar zu jener uralten Fae-Kriegerin zurück, die ihn einst bannte. Vielleicht liegt gerade darin der Schlüssel zu seiner Vernichtung.
Und dann taucht plötzlich auch Hybern wieder auf. Nach dem Tod des Königs hatte ich eigentlich angenommen, dass dieses Kapitel weitgehend abgeschlossen sei. Nun wird ein neues Bündnis ins Gespräch gebracht, und wir wissen noch gar nicht, wer auf Hybern inzwischen die Macht innehat und welche Absichten damit verbunden sind. Ich bin gespannt, ob wir darüber im nächsten Band mehr erfahren.
Tamlin spielt dagegen weiterhin kaum eine Rolle. Ehrlich gesagt vermisse ich ihn auch nicht besonders. Allerdings bleibt der Frühlingshof politisch wichtig, und möglicherweise wird er deshalb irgendwann doch wieder stärker in den Mittelpunkt rücken.
Gerade Lucien könnte hier noch eine besondere Bedeutung zukommen. Seine Verbindungen zu verschiedenen Höfen und zu den menschlichen Gebieten machen ihn zu einer interessanten Figur.
Ich würde ihm jedenfalls wünschen, dass er künftig mehr sein darf als der unglückliche Gefährte einer Frau, die offenbar nichts mit ihm anfangen kann.
Die Walküren und Richard Wagners Ring des Nibelungen
Ein Gedanke ist mir beim Lesen immer wieder durch den Kopf gegangen. Der neue Handlungsbogen heißt The Valkyrie Cycle, und die einzelnen Teile werden als musikalische Sätze, also Movements, bezeichnet.
Da musste ich sofort an Richard Wagners Ring des Nibelungen denken. Der berühmte Opernzyklus besteht aus vier Musikdramen: Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Gerade die Walküren und die Nornen aus der nordischen Mythologie bieten einige interessante Parallelen zu den Themen, mit denen sich Maas offenbar beschäftigt. Die Nornen bewahren das Wissen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie spinnen den Schicksalsfaden, der schließlich reißt und damit den Untergang der alten göttlichen Ordnung ankündigt.
Und schon sind wir wieder bei Clotho, ihrem silbernen Band und den geheimnisvollen Schicksalsfäden.
Natürlich lässt sich daraus noch keine direkte Verbindung zwischen Wagners Opern und Maas’ neuer Geschichte ableiten. Aber die Ähnlichkeiten finde ich bemerkenswert. Und ich meine auch irgendwo gelesen zu haben, das Frau Maas den Ring der Nibelungen sehr mag …
Walküren, uralte Mächte, zerbrechende Bündnisse, verborgene Abstammungslinien und magische Gegenstände, an denen das Schicksal ganzer Welten hängt – das sind Motive, die wunderbar in eine solche Geschichte passen. Vielleicht erleben wir tatsächlich eine Art Götterdämmerung in Prythian.
Die bisherige Ordnung könnte zerbrechen, um einer neuen Platz zu machen. Möglicherweise werden sogar die Grenzen zwischen den verschiedenen Welten eine entscheidende Rolle spielen. Und wer weiß, vielleicht führt Sarah J. Maas irgendwann tatsächlich alle drei Reihen zusammen. Wenn man bedenkt, wie viele Fragen schon dieser eine Band aufwirft, könnte das allerdings eine ziemlich umfangreiche Angelegenheit werden.
Mein Fazit – viele Fragen und eine große Vorfreude
A Court of Splintered Harmony hat mir trotz einiger Kritikpunkte gefallen. Besonders Nesta hat mich erneut überzeugt. Auch Feyre und Rhysand fand ich wieder interessant, wobei mir gerade Rhysands gefährliche, kompromisslose Seite durchaus gefällt. Sie gehört zu seinem Charakter, und ich finde, dass Maas ihn ruhig wieder etwas unberechenbarer zeigen darf.
Mit Cassian, Azriel und Elain hatte ich dagegen meine Schwierigkeiten. Ihre Entwicklung entspricht stellenweise kaum noch dem Bild, das ich nach den bisherigen Büchern von ihnen hatte.
Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Schließlich verändern sich Menschen, und warum sollte das bei Fae anders sein? Aber ich möchte diese Veränderungen nachvollziehen können. Gerade bei Elain fehlt mir noch immer der Zugang zu ihren Gedanken, und bei Cassian hätte ich mir deutlich mehr Verständnis für Nesta gewünscht.
Auch mit dem Aufbau des Buches bin ich nicht vollständig glücklich, obwohl Sarah J. Maas bereits in ihrem Vorwort darauf hinweist, dass wir es hier mit dem Auftakt einer größeren, zusammenhängenden Geschichte zu tun haben. Es werden unglaublich viele neue Handlungsstränge eröffnet, zahlreiche Geheimnisse angedeutet und alte Konflikte wieder aufgegriffen. Wirklich abgeschlossen wird dagegen erstaunlich wenig. Das mag angesichts dessen, was Maas für die kommenden Bände vorbereitet, durchaus beabsichtigt sein. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass dieser erste Teil etwas mehr für sich allein steht.
Dass A Court of Splintered Harmony der erste Teil einer zusammenhängenden größeren Geschichte ist, merkt man deutlich. Und möglicherweise liegt genau darin mein zwiespältiger Eindruck. Einerseits hätte ich mir eine etwas geschlossenere Handlung gewünscht. Andererseits bin ich unglaublich neugierig geworden, wie sich all diese Geschichten weiterentwickeln werden.
Vor allem die möglichen Verbindungen zwischen Das Reich der sieben Höfe, Crescent City und Throne of Glass beschäftigen mich. Wer bislang nur ACOTAR gelesen hat, braucht sich übrigens keine Sorgen zu machen. Die wichtigsten Zusammenhänge werden erklärt, sodass man der Handlung auch ohne Kenntnisse der anderen Reihen folgen kann.
Trotzdem würde ich allen, die etwas tiefer in das Maas-Universum eintauchen möchten, einen Blick auf Crescent City empfehlen. Besonders der dritte Band, House of Flame and Shadow, hat mir ausgesprochen gut gefallen. Auch wenn Bryce Quinlan und ich wohl keine Freundinnen mehr werden. Ihr Charakter ist einfach nicht mein Fall. Aber die Enthüllungen über die verschiedenen Welten fand ich großartig.
Und wer zusätzlich Throne of Glass kennt, dürfte noch einige weitere Zusammenhänge entdecken. Vielleicht sind manche meiner Theorien völlig abwegig. Vielleicht lösen sie sich schon auf den ersten Seiten des nächsten Buches in Luft auf. Aber genau das macht für mich einen Teil des Reizes aus.
Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, bei dem mir während der Lektüre so viele Fragen und mögliche Verbindungen durch den Kopf gegangen sind.
Was hat es wirklich mit Clotho und Bryaxis auf sich? Welche Rolle spielt Gwyns Gesang? Warum verhält sich Amren so merkwürdig? Was erwartet Nesta im ehemaligen Dämmerungshof? Und welche Geheimnisse verbergen sich noch hinter den Forschungen von Merrill?
Vor allem aber frage ich mich, ob Sarah J. Maas tatsächlich auf eine Geschichte zusteuert, in der die Grenzen zwischen ihren verschiedenen Fantasywelten endgültig verschwimmen.
Das Potenzial dafür ist jedenfalls vorhanden.
Ob sie es schafft, all diese Fäden am Ende überzeugend miteinander zu verbinden, bleibt abzuwarten. Ich hoffe nur, dass dabei die Figuren, die wir über die Jahre liebgewonnen haben, nicht zu kurz kommen.
Der nächste Band, A Court of Forgotten Melody, erscheint am 12. Januar 2027. Er umfasst die nächsten beiden Sätze des Valkyrie Cycle, während der vierte Satz in einem weiteren Buch folgen soll.
Ich bin ausgesprochen gespannt, wie es weitergeht. Und nach diesem Cliffhanger würde ich am liebsten sofort weiterlesen.
Habt ihr das Buch ebenfalls schon gelesen? Wie gefällt euch die Entwicklung der Figuren, und welche Theorien habt ihr zu den vielen offenen Fragen? Gerade über mögliche Verbindungen zu Crescent City und Throne of Glass würde ich mich gern mit euch austauschen.
PS: Ganz am Ende des Buches findet sich übrigens noch eine interessante Illustration, die mich ebenfalls zum Grübeln gebracht hat. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass dasselbe Motiv auch auf dem Buchcover hinter dem Titel zu sehen ist. Aus einem Haufen Knochen und möglicherweise zerbrochener Waffen steigen Flammen empor, in denen ich sogar Augen und merkwürdige Gestalten zu erkennen glaube. Was mag das bedeuten? Ist es ein Hinweis auf Koschei, den Knochenritzer und die Weberin? Oder geht es um die Zerstörung der alten Ordnung und etwas, das daraus neu entstehen wird? Schließlich lautet das Motto des Buches „What was broken will be remade“. Vielleicht interpretiere ich auch viel zu viel hinein, aber nach dieser Lektüre würde mich tatsächlich kaum noch etwas wundern. Was erkennt ihr in dieser Illustration?
