Mercedes Lauenstein: Nachts

Nachts

In Mercedes Lauensteins erstem Buch mit dem schlichten Titel „nachts“ streift eine junge Frau nachts umher und besucht Menschen, die sie zur Nacht befragt.

„Nachts schlafe ich nicht. Ich laufe durch die Straßen und gucke durch die erleuchtenden Fenster in das Leben der anderen hinein. Ich überfliege Klingelschilder in den Hauseingängen in der vagen Hoffnung, auf einen Namen zu stoßen, den ich vielleicht kenne, vielleicht auf meinen eigenen oder einen, der irgendwie zu mir passt.“ (Seite 7)

Das nachtblaue, ebenfalls schlichte Cover hat mich sehr angesprochen, weil es sehr gut zum Inhalt passt. Und der hat es in sich, denn „nachts“ sind 25 Kurzgeschichten in einer Geschichte. Die namenlose Ich-Erzählerin besucht besagte 25 Menschen, Menschen die inmitten von Veränderungen oder Neuanfängen stecken, sie möchte nicht die Schlafenden wecken, sondern die Wachen besuchen und sich mit ihnen unterhalten. Sie begegnet Schlaflosen, Einsamen, Traurige, Menschen, die ihr ihre Geschichte erzählen und dankbar sind, dass jemand zuhört und fragt.

„…weil nachts alles weniger ernst ist, weil sich nachts sogar die braven Menschen mit ihren geregelten Tagsüberjobs in ungehemmten Träumen verlieren und nachts deshalb alles Raum hat, was am Tag keinen hat.“ (S.124)

„Die Nacht“, sagt er, „mag ich deshalb, weil man in ihr fast alles klarer sieht als am Tag. Was ja der Tatsache, dass es tagsüber hell ist, eigentlich widerspricht.“ (S. 131)

Etwas merkwürdig fand ich, dass man über die junge Frau so wenig erfährt, warum sie durch die Nacht streift (wird am Ende etwas aufgelöst), was sie beschäftigt außerhalb der Nacht und wie sie heißt … Der Schluss war mir etwas abrupt und hat mich auch nicht ganz befriedigt. Das Buch liest sich gut, es ist sehr schön und stimmungsvoll geschrieben, als wäre man bei der jungen Frau dabei und würde auch durch die Nacht streifen und Klingelschilder lesen …

Wie hat meine Oma immer so schön gesagt: „Nachts sind alle Katzen grau.“

Fazit: Ein sehr gutes Buch, ein Erstling, der Lust auf mehr macht. Sehr stimmungsvoll und sehr gut erzählt, auch wenn einiges unklar bleibt. Die Autorin hat sich sicher etwas dabei gedacht … Klare Leseempfehlung!

Das schreibt der Aufbau Verlag:

Nacht für Nacht streift eine junge Frau durch die Stadt. Sie sucht nach etwas, doch sie weiß nicht, wonach. Vielleicht, denkt sie, kann sie es hinter den letzten erleuchteten Fenstern finden. Sie klingelt an den Türen. Und begegnet Menschen im Moment ihrer höchsten Einsamkeit – Menschen, die nachts erst richtig zu leben beginnen, wenn draußen alles still und dunkel ist. „Die Nacht“, sagt er, „mag ich deshalb, weil man in ihr viel klarer sieht als am Tag. Was ja der Tatsache, dass es tagsüber hell ist, eigentlich widerspricht.“ Ich schweige. Wir gucken zum Fenster hinaus und sehen uns selbst. In der Spiegelung treffen sich unsere Blicke. Dann sagt er: „Und jetzt möchte ich, wenn du erlaubst, gerne ins Bett gehen.“

Über die Autorin:

Mercedes Lauenstein, 1988 in Kappeln an der Schlei geboren, arbeitet seit 2009 in der jetzt-Redaktion der Süddeutschen Zeitung und schreibt als freie Autorin Essays und Reportagen für verschiedene Zeitungen und Magazine. Sie lebt in München. »Nachts« ist ihr erstes Buch.

Buchinformationen:

  • Gebundene Ausgabe: 191 Seiten
  • Verlag: Aufbau Verlag; 1. Auflage, erschienen am 21. August 2015
  • Preis: 18,95 Euro
  • ISBN-13: 978-3351036140