Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Diebe und Vampire

 

Doris Dörrie hat mit „Diebe und Vampire“ einen lesenswerten Roman geschrieben. Alice – die Protagonistin und Ich-Erzählerin der Geschichte – möchte nichts lieber als Schriftstellerin werden. Sie schreibt in ihrem ganzen Leben allerdings nur einige Kurzgeschichten und einen Bestseller über die Technik des Schreibens. Das Buch mit der Geschichte über Alice ist in drei Episoden eingeteilt.

 

Der erste Satz:

„Ich habe sie immer „die Meisterin“ genannt, nie bei ihrem richtigen Namen, und wenn ich heute an sie denke, denke ich immer noch an sie als „die Meisterin“, und wenn ich über sie schreibe, kann ich nur so über sie schreiben.“

Erst begegnen wir ihr als Leser als junge Frau, die 1984 als Studentin mit ihrem sehr viel älteren Freund Pe, einem verheirateten Dermatologen,  Urlaub in Mexiko macht. Dort lernt Alice eine ältere Schriftstellerin kennen, die mit einem jüngeren Mann zusammen ist und die Alice „die Meisterin“ nennt. Sie bewundert die Meisterin, eine starke Frau und Diva par excellence, oberflächlich, leicht aristokratisch, elegant, stolz, sehr selbstbewusst. Diese Dame sagt zu Alice, dass Autoren wie Diebe und Vampire seien, was die junge Frau sehr prägt. Alice ist vernarrt in die amerikanische Schriftstellerin und bietet ihr eine Geschichte an, die sie entdeckt hat (hier weiter unten mehr), um sich bei der Meisterin anzubiedern, sie nimmt auch eine Einladung nach USA allzu wörtlich.

„Sie müssen mich unbedingt besuchen, wenn Sie mal in San Francisco sind“, sagt die amerikanische Schriftstellerin zu Alice.

Als Pe einen Zeitungs-Artikel über einen mexikanischen Jungen liest, der wegen einer weidenden Kuh auf der Weide eines Großgrundbesitzers im Gefängnis sitzt, wittert Alice ihre große literarische Chance:

Pe gefiel die revolutionäre Grundstimmung der Geschichte, die Armen gegen den Großgrundbesitzer. Hätte er kapiert, dass ich sie nur als Köder benutzte, um mit der Meisterin ins Gespräch zu kommen, hätte er mich einen unmoralischen und unpolitischen Parasiten genannt. Er hielt es für ein Problem meiner Generation, dass wir für nichts mehr kämpfen mussten, weder für die Gleichberechtigung und die sexuelle Revolution noch für das Ende des Krieges in Vietnam. Er und seine Generation hatten das bereits alles für uns erledigt (Auszug aus dem Buch).

 

Über die Weihnachtsfeiertage kehrt Pe zu seiner Familie zurück und Alice und ihre Meisterin kümmern sich um den Jungen im Gefängnis, was ihm aber eher schadet als hilft. Er wird in eine Jugendgefängnis verlegt, nun kann ihn aber seine Mutter nicht mehr besuchen, weil es zu weit weg ist. Einmischungen von anderen sind in Mexiko – wie in jedem Land – eben nicht gerne gesehen.

Im zweiten Teil der Geschichte, in der Zeit rund eineinhalb Jahre später, fliegt die junge Alice, die mittlerweile nicht mehr ihrem älteren Liebhaber zusammen ist, nach Kalifornien, um ihre vergötterte Diva zu besuchen. Allerdings wird sie nicht mit offenen Armen empfangen und dementsprechend sehr enttäuscht, hat sie sich doch das Treffen mit ihrem Vorbild ganz anders vorgestellt. Nach jeder Enttäuschung sucht Alice sich einen Liebhaber, denn das lenkt schön vom Schreiben ab und zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Am Ende der Geschichte finden wir Alice wieder in Mexiko. Alice ist mittlerweile Longseller-Bestseller-Autorin, sie hat ein Handbuch für Autoren in einer Schreibkrise geschrieben und gibt hier auch Kurse. In diesem letzten Kapitel geht es in Sachen Literaturszene mit all ihren Regeln, Preisen, Vorgaben etc.  so richtig und auch satirisch zur Sache, ein herrlich amüsanter, bissiger Lesespaß.

Fazit:
Insgesamt hat mir das Buch wunderbar gefallen, es liest sich sehr schön, flüssig, ist lustig und wird nicht langweilig. Es ist ein lesenswertes Buch über Vorbilder und auch, dass was aus unseren Vorbildern wird und was sie mit uns machen. Es ist ein Bücherbuch, in dem sich  Frau Dörrie – gerade im letzten Teil der Geschichte –  über den Literaturbetrieb an sich herrlich böse lustig macht und für Buchbegeisterte Leser somit Pflichtlektüre!

 

Das schreibt der Diogenes Verlag:

Sie lernen sich in Mexiko am Strand kennen und treffen sich nachher in San Francisco: Alice, eine junge deutsche Studentin, und die dreißig Jahre ältere Amerikanerin, die Alice insgeheim »die Meisterin« nennt. Denn sie ist alles, was Alice gerne wäre. Elegant. Selbstbewusst. Souverän mit Männern. Und vor allem: eine Schriftstellerin. Ein berührender Roman über die Vorbilder, die wir wählen – und was das Leben aus ihnen und uns macht.

 

Über die Autorin:

Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. ›Männer‹, ihr dritter Kinofilm, wurde ein Welterfolg. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Dokumentarfilm ›Dieses schöne Scheißleben‹ über weibliche Mariachi in Mexiko, 2014) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Seit einigen Jahren hat sich Doris Dörrie auch als Opernregisseurin einen Namen gemacht. Sie lebt in München.

 

Buchinformationen:

 

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (20. Mai 2015)
  • Preis: 21,90 Euro
  • ISBN-13: 978-3257069181